Brüder zur Sonne, zur Brause!

Schon Kain und sein Geschwisteropfer Abel oder Friedrich Schiller, der Karl und Franz Moor bis zum bitteren Ende des Jüngeren aufeinander losgehen ließ, wussten: Freunde kann man sich aussuchen, seine Familie leider nicht. Diese schmerzliche Erkenntnis muss unlängst auch Salzburger Anhängern, denen der Spitzenreiter des österreichischen Rasenballsports zweifellos am Herzen zu liegen scheint, gekommen sein. Wie der österreichische Kurier berichtete, hallten während des nationalen Pokalhalbfinales am letzten Aprildienstag urplötzlich gerade in Sportstadien gemeinhin bekannte Fäkalvokabeln durchs weite Rund.


Doch weder an das Schiedsrichtergespann noch die Sympathisanten des Underdog-Kontrahenten war der Furor aus dem Salzburger Fanblock adressiert. Niemand anderes als der eigene Bruderklub aus dem Nachbarland geriet ins moralische Fadenkreuz! In Häufigkeit, Ausdauer und rotziger Kreativität nicht annähernd damit vergleichbar, wie sich beispielsweise die Gallagher-Brüder im Laufe ihres Lebens einander bedacht haben, aber nichtsdestotrotz: unüberhörbar für 1.890 handgezählte Zuschauer im Stadion als auch 130.000 Couchgesellen an den TV-Bildschirmen: „Scheiß RB Leipzig, wir singen Scheiß RB Leipzig, Scheiß RB Leipzig […]!“ Rrrrrrrruuuuuums! Zarte Aufruhr im Plebs, inmitten des Gebieterreichs!

Womöglich lernen wir den im beschaulichen Grödig erstmals offen zu Tage getretenen, schmierenkomödiantischen Familienzwist besser zu verstehen, indem wir versuchen, dieses Sittengemälde skizzenhaft auf das derzeitige HBO-Massenphänomen Game of Thrones abzubilden. Grundlegend gieren hier nahezu alle Charaktäre aus einigen quer über den fiktiven Kontinent Westeros verteilten Adelsgeschlechtern mit lustigen Namen (bspw. Targaryen, Stark, Lennister, Graufreund & Co.) nach sehr vielen, bevorzugt promiskuitiven, gern auch familieninternen Geschlechtsverkehrsakten, Unmengen an Alkohol, sonstiger Völlerei und obendrein vor allem dem sogenannten „Eisernen Thron“ in der Hauptstadt Königsmund. Und weil Besserverdiener und Königsfamilien selbst in kühnsten Fantasyträumen nichts von gemeinwohldienlicher Erbschaftssteuer halten, sorgen vor allem diffuse, intrigante Sehnsüchte nach Ehre, Macht und Größenwahn für stets blutrünstigste Kopf-Ab-Metzeleien, bloß damit die Krone nach jedem noch so vorzeitigen Ableben des Oberhaupts mal schön in Familienhand bleibt.

Hier sollte also was zu holen sein. Doch noch ein gutgemeinter Rat, bevor wir kurz in das vom beschaulichen Fuschl am See aus regierte Reich des Alleinherrschers Dietrich Taurinfreund des I. und Einzigen eintauchen. Geratet keinesfalls, weder in der HBO- noch in der RB-Fantasialand-Saga, in Versuchung, euch an vermeintlich identitätsstiftende Figuren oder vertrauensselige Wegbegleiter zu gewöhnen! Es passiert ganz schnell, dass diejenigen wieder von der Bühne verschwunden sind.

Taurinfreunds allmachtsphantastisches Mantra: „Veni, vidi, vici!“

Auch wenn manche Leipziger dem Luftschloss anheim gefallen sind: In Fuschl am See, Heimat Dietrich Taurinfreund, des I. und Einzigen, und seinen über alle Kontinente verstreuten Besitztümern fließen weder Milch noch Honig. Aber aufgeputscht von einem ungesunden Energy-Getränk jagen dort verrückte Leute über die unmöglichsten Klippen, drehen reißerische Pirouetten in physikalisch unmöglichen Halfpipes, fahren vor Pferdestärken strotzende Automobile ganz schnell im Kreis oder springen einfach aus Lust und Laune aus der Stratosphäre. Wer hier gegen das allmachtsphantastische Mantra „Veni, vidi, vici!“ verstößt, dem gnade Taurinfreund, der I. und Einzige.

Seit Neuestem (wir reden ja immerhin von epischen Fantasy-Zeiträumen) erschließt sich das Imperium die gegenwärtig wohl fruchtbarste PR- & Marketingquelle überhaupt: den Rasenballsport, der neidischen wie eingeschnappten Randgruppen, die nichts verstehen wollen, und Nicht-Nord-Amerikanern einst noch als Fußball bekannt war. Und ganz dem selbst auferlegten Anspruch soll, (nein!), muss, (nein!), wird (!!!) es in ganz naher Zukunft bitteschön die Eroberung des Throns der (*Achtung! Im Hintergrund setzen verheißungsvoll-pathetische Schicksalstrommeln ein*) CHAAAAAMPIONS LEAGUE sein.

Doch genau da pieksen wir schon an den Kern allen Salzburger Fan-Unmuts, der vielleicht schon bald jeden schnöden Wettstreit um die schönste McDonalds-Filiale oder das tollste Expo-Dorf übertrifft. Nichts symbolisiert den brodelnden Konflikt dabei besser als Taurinfreunds Clanwappen, auf dem zwei kräftige, rote Zuchtbullen ihre Hörner vor gleißender Sonne in wildentschlossener Angriffspose aufeinander gerichtet haben. Der eine verhätschelte Bulle, äääh Bengel kann seine Eifersucht auf den anderen noch viel verwöhnteren Bengel kaum noch zähmen.

Auf dem Heimatthron holt es sich nur Hämorrhoiden

Egal wie Dietrich I. und Einzige von den erstgeborenen Rasenballsprösslingen direkt vor der Haustür in der Salzburg auch umschwärmt wurde. So sehr sie auch die lokalen Turniere gegen ihre Litfaßsäulenkontrahenten von „Puntigamer“ Sturm Graz, „Cashpoint“ Altach oder den „Riegler & Zechmeister Pellets“ aus Wolfsberg vor sich hin dominieren und in wenigen Wochen die nunmehr sechste Landesmeisterschaft der vergangenen neun Jahre empfangen werden, was soll sich der erfolgsverwöhnte Imperator auf dem wenig beleumundeten lokalen Thron holen außer Hämorrhoiden? Selbst das erfolgsverwöhnte Volk schleppt sich nur widerwillig, oder höchstens zu europäischen Anlässen in die schnieke, aber durchschnittlich nur zu knapp einem Drittel gefüllte Arena.

Was sie auch anstellten, was sie auch investierten. Ob in Steine zur Verschönerung des Anwesens. Ob in verdiente Recken wie Alex Zickler, Niko Kovac, Thomas Linke oder Vratislav Lokvenc. Ob sie gar rüstigen, alten Feldherren wie Huub Stevens, Co Adriaanse oder Giovanni Trappatoni samt des fränkischen Greenkeepingapostels Matthäus den Oberfehl auftrugen. So vehement sie auch klopften: All jenen blieb das massive Burgtor zur Champions League stets verschlossen. Mit der schmachvollen Niederlage gegen den F91 Düdelingen aus einem kleinen Herzogtum viele Kilometer nordwestwärts machten sie sich einmal gar zum Gespött aller Herren Länder. Die hatten nicht mal Pferde und Rüstungen, geschweige denn Flügel. Allein ihre listige Aufmüpfigkeit genügte, um die schniefenden Bullen zu schlagen.

Kann es für den so siegesgewohnten Taurinfreund etwas Schlimmeres geben als Misserfolg und Missachtung? Wie gut, dass er vor Jahren schon einen garantiert schmerzfreien Expeditionstrupp hipper Imperiumstrolle, die bestimmt mal was mit Medien und Marketing studiert haben, ins Nachbarland entsandte. Diese Botschafter, wie „Die Welt“ erfuhr, glänzten auf ihrer Alles-oder-Nichts-Pirsch vor allem mit fundamental-kulturellen Vorkenntnissen. Beispielsweise wollten sie ein kieziges Totenkopfgebiet am Elbfluss den dortigen Einheimischen mit der einzig plausiblen Schmeichelei abschwatzen: „Ihr steht doch auch für Coolness, Party, feiern und so?!“ Diverser gescheiterter Eroberungsversuchen zum Trotz kam schlussendlich irgendjemand mal die geniale Idee, einfach das Niemandsland jahrzehntelanger Rasenballödnis zu annektieren – Leipzig, im furchteinflößenden Nordosten. Dort, wo sich die verzweifelt nach (*Achtung! Wieder verheißungsvoll-pathetische Schicksalstrommeln, aber um einiges bombastischer intoniert*) BUUUUUNDESLIGA und CHAAAAMPIONS LEAGUE dürstenden Siedler noch so richtig willfährig am Bullennasenring durch die Marketingmanege ziehen lassen. Dort, wo die allerbesten Kunden sogar dazu aufgerufen sind, Treuepunkte in ihr Auswärtswanderschaftenbuch zu kleben, damit die eingeheimsten Bienchen dafür am Ende in Geschenke aus dem Fanshop getauscht werden können.

Mühsame Eroberung der Rasenballödnis

In der Anfangszeit, bei den kleinen Schaukämpfen irgendwo im grünen Nirgendwo, ob Havelse oder Wilhelmshaven, herrschten jedoch derartige Anlaufschwierigkeiten, dass Taurinfreunds Personalschafott mit der Zeit schon ganz stumpf vor lauter Benutzung wurde. Dieser Sadlo, dieser Beiersdorfer, dieser Linke, dieser Gudel, dieser Oral, dieser Pacult ff. sollten Taurinfreunds Tafelrunde würdig repräsentieren, waren dann aber doch nur Pappnasen. Ja, seid’s ihr denn deppert?

Doch noch viel mehr Gräuel als erfolglose Untertanen bereiten dem Gebieter widerborstige Legislativenbünde mit all ihren Regularien, Lizenzbedingungen, Paragraphen und sonstige Quacksalbereien. Ja, wo kommen wir denn da hin, wollen wir am Ende etwa noch den Pöbel mitsprechen lassen? Jähzornig kann er da werden, der widerspruchsungewohnte Dietrich I. und Einzige. Höchstselbst musste er grollend drohen, rüffeln und zurechtweisen, wie das in seinem Reiche mal schön zu laufen hat. Ich brauch’ hier gar nichts, wenn ihr mich nicht wollt, dann stampfen wir halt alles wieder ein, ihr undankbaren DFL-Hinterwäldler!

Je näher die Lipsianer den großen, bedeutungsschwangeren Ritterspielen kamen, stieg jedoch das Gefallen des Familienoberhaupts. Im letzten Jahr schwebte Dietrich I. und Einzige sogar erstmals eigens mit der jungen Gräfin Taurinfreund in den Nordosten, um dem Schauspiel seiner Nesthäkchen, den Rasenballsportbullen, gegen widerborstige Kräfte vom Geschlechte der Lilien beizuwohnen.

Erst seitdem ein mythenumwobener Druide die Bruttoregisterhektolitertonnen magischen Zaubertranks aus dem unendlichen Brunnen in Fuschl am See anrührt, scheint dieser erst die ganze Wirkung zu entfalten. Natürlich handelt es sich dabei nicht um den alten Kurpfuscher Pansold, der unzähligen DDR-(Kinder)-Gladiatoren mutwillig die Gesundheit ruiniert hat und trotzdem heute in Taurinfreunds großzügigen Diensten steht. Nein, Vater des Aufschwungs ist kein geringerer als der Honorargelehrte Ralf von Schwaben.

Ein mythenumwobener Druide aus Schwaben als Hand des Gebieters

Anno dazumal erteilte dieser den plumpfüßigen Teutonen schon am Flipchart eine Lehrstunde zur raumorientierten Viererkette. Derzeit lenkt er als Hand des Gebieters die tektonische Verschiebung der taurinfreundschen Äcker. Jedoch nur noch wenige Wochen im Amte des Doppelstatthalters der Salzburg und in Leipzig, um ganz pfiffig den selbstverständlich hanebüchenen Vorwurf des verzerrten Wettbewerbs zu umgehen. Die vor wenigen Monden noch so hochgepushte, aber im Verlauf der Gezeiten einfach nicht den taurinfreundschen Ansprüchen gerecht gewordene Salzburg wurde zur Bullenzucht umfunktioniert. Fieberhaft werkelt der Meisterdruide daran, dass die Nachschubwege in Stallorderlogik alsbald einzig gen Nordosten reichen.

Doch plötzlich, da es den talentierten und bislang so treuherzigen Ritter Ilsanker fortzieht in eine andere Welt, und Ralf von Schwaben ihm unter allen Umständen die eigene nordöstliche Provinz schmackhaft machen will, zeigen sich einige Salzbürger ganz und gar desillusioniert vom verfolgten Plan der Oberen: Als wären es nicht schon genug Schläge aufs Gemüt, nur noch als elitärer Rangierbahnhof zu dienen, müssen wir tatenlos zusehen, wie ihr uns auch noch Ilsanker abschwatzen wollt. Jeden könnt ihr haben. Nur nicht Ilsanker! „Scheiß RB Leipzig, wir singen Scheiß RB Leipzig, Scheiß RB Leipzig […]!“

Was werden Taurinfreund und seine Vasallen über dieses Aufbegehren denken? Himmelherrschaftszeiten noch einmal! Wir liefern euch hier Brot und Spiele und ihr muckt rum? Undank ist der Welten Lohn!

Der Abgang des treuherzigen Ilsanker desillusioniert die Salzbürger

Der Schall der wütenden Klatschpappen wird verhallen, zurück bleiben kaltherzig die Liebe entzogene Konsumenten aus der Salzburg. Machtlos müssen sie mitansehen, wie ihrer Piefke-Konkurrenz der Standortjoker in Taurinfreunds einheitsbreiigen Entertainment-Universum zugesprochen wurde. Wobei die Salzbürger eigentlich noch ganz froh darüber sein können, stellt man ihrem Los beispielsweise das Schicksal der unter himmelschreiendem Zynismus aufgegebenen Bruderakademie in Ghana gegenüber.

Ja, all das ist Alltag in Taurinfreunds Gebieten, denen die Erstürmung des Rasenballsportkontinents vor rasender Verkaufs- & Erfolgsmanie nicht schnell genug gehen kann. Vielleicht erinnern sich die verbliebenen Anhänger der Salzburg nunmehr ihrer violetten Wurzeln. Auf den Weg mitgeben kann man ihnen eigentlich nur jenes Credo, nach dem schon das Schlagerbarden-Brüderduo „Brunner und Brunner“ verfuhr: „Bevor wir uns hassen, trennen wir uns lieber.“ Das wäre immerhin weitaus zivilisierter als jede von Game of Thrones gewohnte Konfliktlösung.

Ein Gedanke zu „Brüder zur Sonne, zur Brause!“

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