Wo sind die Emotionen?

Tauscht man sich über den „modernen Fußball“ aus, bekommt man oft dieselbe Rechtfertigungsfigur geliefert. Kritikern, denen bestimmte Auswüchse der finanzgestützten Umbauten des Fußballgeschäfts aufstoßen, wird entgegnet, man solle mal ganz nüchtern auf die jahrzehntealten Trends der Sportvermarktung sowie auf die gesamtgesellschaftlichen Umstände, in denen Fußball stattfindet, schauen und schon würde alles Sinn ergeben; wäre leichter ertragbar. Im heutigen gesteigert kapitalisierten und kapitalisierbaren Fußballgeschäft gehe es ohne das große Geld eben nicht mehr, was wiederum zu dem schon fast zwingenden Schluß gemünzt wird, dass eigentlich nichts an millionenschweren Investments und börsennotierten Unternehmen als Eignern von Clubs vorbei führe. Ja, dass man ihnen fast schon Tür und Tor öffnen müsse, um die vielen segenreichen Gaben zu empfangen.

Ähnlich wird auch immer wieder von den Apologeten von RB Leipzig argumentiert. Schaut man auf die fußballerische Entwicklung Leipzigs, müsse man nicht nur in Kauf nehmen, sondern sogar froh darüber sein, dass sich endlich einer der darbenden Stadt annimmt, ihr einen Fußballverein schenkt und auf Biegen und Brechen in die 1. Liga drückt. Mit wem man da ins Bett steigt, ist de facto egal. Die anderen hatten ja ihre Chance! Also ran ans Werk und einen Bundesligisten entworfen! Toll, wenn man so unvorbelastet da ran gehen kann.

Auf der Rückseite dieser Ausführungen wird dann den Zweiflern ihre emotionale Verwicklung („romantisieren“) mit dem zur Diskussion stehenden Fußball vorgeworfen und ihre Einwände als Befindlichkeiten abgetan. Prototypisch unser Rotebrauseblogger der neulich onkelhaft riet, die „oberflächliche, emotionale Bekenntnisdebatte“, was RB Leipzig betrifft, zu beenden und sich endlich den „entscheidenden Fragen“ zuzuwenden.

Zwei Sachen stören hieran: Die Durchrationalisierung eines Spiels und die begleitende Entwertung von Emotionalität in Bezug auf ebendieses.

Fußball als Plangeschäft

Wenn es auch gern als „Traditionalismus“ verkauft wird: das Planvolle am viel zitierten „Modernen Fußball“ stört! Das Projektdenken, der Marketingsprech, das Gefasel von Blue Chips und Return of Investment, die Ralf Rangnicks und die Matthias Sammers handhaben ‚die schönsten Nebensache der Welt‘ mittlerweile in der Form der blasierten Verwalter, Planer und Bürokraten, die einen schon beim Sparkassentermin mit dem Kopf schütteln lässt. Zufälligkeiten, Unvorhergesehenes, Witziges passieren zwar trotzdem noch – betrachtet werden sie aber mit ernster Miene als errechenbare und zu minimierende Größe. Das Spiel bleibt freilich das gleiche – nur die ermöglichenden Begleitumstände sowie die Kommentierungen werden zusehends den rationalen Optimierern überlassen, denen die Welt am besten ganz nüchtern und stocksteif gefällt.

Auch hier ist RB Leipzig als Role Model zu sehen. Am sportlichen Aufstieg RBs ist nichts Überraschendes, nichts was aufhorchen lässt. Was, da marschiert ein Team durch die Ligen und scheint erst in der 1. Liga Halt zu machen? Was sonst eine besonders berichtenswerte Story aus der Welt des Fußballs wäre, ist im Angesicht der schieren ausagierten Potenz des Brausekonzerns das Erwartbarste der Welt. Es folgt einem absehbaren und nach alle Seiten abgesichertem Kalkül, das auf einer Strategiesitzung in Fuschl am See beschlossen wurde und in das die Inkaufnahme von drölfzig Millionen Euro als Anschubfinanzierung für das nötige verheizbare Personal und das in feinster kleinbürgerlicher Ordnung befindliche Fantasialand am Cottaweg einflossen.

Die Überraschung, der Nachrichtenwert liegt hier eher im sich abzeichnenden Nichtaufstieg. Es ist eben schlichtweg langweilig, einem Projekt dabei zuzusehen, wie sich sein überproportionaler Kapitaleinsatz sportlich auszahlt. Um so belustigender, wenn diese Rechnung aufgrund nicht bedachter Variablen nur verzögert aufgeht. Dann ärgern sich die klugen Köpfe nämlich unheimlich und treffen ‚strategische’ Personalentscheidungen, bei denen einem die Luft wegbleibt. Sehen sie sich doch um ihre ausgeklügelte Markenbotschaft gebracht, die eben auf das Versinnbildlichen der Überpotenz eines auf Speed befindlichen Ochsen setzt – die schnellsten Autos der Welt, herzschlagsteigernde Sprünge aus dem All und eben (mindestens) eine voll coole Überfliegerfußballmannschaft inbegriffen.

Arsch hoch!

Das alles kann man nüchtern betrachten und als zwingend und unausweichlich abnicken. Kann man, muss man aber nicht. Empörung wäre angebrachter! Die genießt allerdings nicht den besten Ruf – steht sie doch im Verdacht ein vorschnelles, „oberflächlich-emotionales“ Bild zu vermitteln. Doch weshalb soll es besser und weniger oberflächlich sein, die Debatte um die gewünschte Form des Fußballs mit einem kalt-rationalen Zugriff zu führen? Schenkt man damit nicht die persönliche, emotionale Involviertheit her, ohne die Fußball in all seinen Aspekten, von der Tatsache, dass da 22 Leute einem Ball hinterher rennen, bis zu der Tatsache, dass sie dafür von großteils erwachsenen Menschen im Idealfall besungen werden, zu einer recht lächerlichen Sache gerät? Und liegt nicht viel mehr im Argen, wenn ein Fan wie der Rotebrauseblogger eine Debatte um den Fußball, wie wir ihn uns wünschen, auf „komplexe juristische und wirtschaftliche Sachverhalte“ lenken will? Rechtfertigt dieser streberhafter und konformistische Verwaltungssprech nicht einen Zugriff vorab, der  gerade Fans nur als beschönigendes Beiwerk einer Verkaufsmaschinerie einplant.

Planspielern a la Ralf Rangnick sollen ruhig kalkulieren, dafür sind sie ja auch gekauft worden und keiner wird sie aufhalten. Sich dagegen aufzulehnen, nein zu sagen und nicht einfach mit einzustimmen, ist, was den Fans zu Gesicht stehen sollte. Tun sie das nicht, sind sie Teil einer einseitig geführten Auseinandersetzung um den „Modernen Fußball“, die den Menschen als Gemütswesen vernachlässigt, das sich eben nicht von der schlagenderen Wirtschaftsstrategie überzeugen, sondern vom Irrationalen begeistern lässt.

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