RB Leipzig – Der feuchte Traum der Spätkapitalisten

Viel Bewegung derzeit beim nimmermüden Leipziger Wunschverein RB Leipzig. Pünktlich zum (den eigenen Ansprüchen hinterher hinkenden) Saisonabschluss wird  der Geldhahn wieder weit aufgerissen und Millionen Euros in den Orkus gejagt. Eine neue Mannschaft kommt, die alten Versager müssen gehen und werden verscherbelt. Dass man bei RB nicht zimperlich mit den eigenen Bediensteten umgeht und von kontinuierlicher Kaderbildung scheinbar wenig hält, kennt man ja schon aus den Jahren zuvor. Entsprachen Saisonergebnisse nicht dem Plan (eigentlich immer), mussten immer gleich die großen Würfe, die spektakulären Verpflichtungen, die übergroßen Testspielgegner her. Klar, das viele Geld und das Corporate Image verpflichten.

Immerhin lebt man davon, das Spektakel, die Unterhaltung bieten zu wollen müssen. Zaghaft mit einer eingeschworenen Truppe, die es selbst nicht fassen kann, in die 1. Liga stolpern, um sich dort augsburgmäßig langsam aber sicher zu etablieren? Wie langweilig traditionalistisch. Das verträgt die Botschaft nicht, die man vermitteln will. Die zwei Bullen sollen das Tor zur erstklassigen Fußballbühne in einem großen Akt scheppernd aufschlagen und dabei auch gleich das etablierte Geschäft aufmischen. Die anderen sowie sich selbst ständig übertrumpfen und sich gleichzeitig als unorthodox gerieren – diesem feuchten Traum, der in Fuschl am See jede Nacht mehrmals geträumt wird, sollen die aufgaloppierenden Jungfußballer mittels ihres Spielstils jedes Wochenende aufs Neue eine möglichst gute Vorlage liefern.

Zwei_Ochsen
foto: R~P~M | flickr

Ständig in Bewegung

Aus dieser Tatsache und daraus, dass Fußball (glücklicherweise) offenbar doch nicht in Gänze planbar ist, resultiert, dass RB Leipzig sich ständig neu erfinden muss. In die Konzernkommunikation passt nun mal nur das ständige Nach-Vorn-Preschen, weshalb auch andauernd „Althergebrachtes“ verworfen oder attackiert werden muss. Ohne Not wird so eine Diskussion über ein neues Stadion an der Autobahn (wie schön dort!) vom Zaun gebrochen, ein Trainingszentrum hochgezogen, das noch bevor es überhaupt fertig ist, einer dringenden Erweiterung bedarf, oder offen der DFL gedroht, das Investment aus dem deutschen Fußball zurück zu ziehen, falls man im Logo nicht für die eigenen Dosen werben darf. „Zwangsbeglücken“ wolle man niemanden – macht man aber trotzdem. Lokalpresse und -publikum halten in Anbetracht diese Macher-und-Potenz-Gebarens bekanntermaßen nur klatschend Maulaffen feil.

Aus diesem Zwang des Sich-Neu-Erfindens resultiert auch, dass man bei RB mit Fußballern umgeht wie eine Durchlauferhitzer mit Wasser. Auf Mannschaftsebene schlägt sich das Innovationsprinzip so nieder, dass mittlerweile fast halbjährlich die 1. Profimannschaft nonchalant und radikal im Handstreich generalüberholt wird. Mit selbstverständlicher Geste werden Millionenbeträge in Bewegung gesetzt, dort gehen fünf, dort kommen sechs. Was bei denen, die – vulgo – „ihre Chance hatten“ (Lok & Chemie), noch als unseriös und provinziell getadelt wurde, gilt im Zusammenhang mit RB als voll profimäßig und strategisch geboten – bis ein Jahr später wieder die nächsten kommen.

Mesa, Arizona (2015)
foto: Mark Abercrombie | flickr

Zur Erinnerung: Erst im Winter sammelte RR in seinem Shopping Cart die Sportfreunde Damari (7 Mio) und Forsberg (3,7 Mio) ein. Darüber hinaus wurden Rodnei und Reyna kurzerhand von Salzburg nach Leipzig delegiert. Keine sechs Monate zuvor wurden Boyd (2 Mio), Kalmar (1 Mio), Klosterman (1 Mio), Rebic (600 Tsd), Compper (550 Tsd), Khedira (500 Tsd), Demme (350 Tsd), Hierländer (Salzburg), Strauß (U19) und Teigl (Salzburg) den 2013er Anschaffungen Poulsen (1,3 Mio), Kimmich (500 Tsd) und Jung (ablösefrei) und an die Seite gestellt.

Das der sich hier schon andeutende Steigerungstrend in den nächsten Wochen noch fortsetzen wird, zeigt sich bereits durch die ersten Neuverpflichtungen der Sommerpause an. Nachdem schon vor Toresschluss Davie Selke nach Leipzig gelotst wurde, läuft nun auch Willi Orban, seines Zeichens Innenverteidiger,  U-21-Nationalspieler und bis vor Kurzem zum 30. Juni noch Lauterer, ab der kommenden Spielzeit im Nikki mit den Ochsen auf. Ablösesumme: schlappe zwei Millionen Euro. Da ging eigentlich mal mehr – aber die Kreditkarte des Gebieters wird wohl noch das eine oder andere Mal glühen in diesem Sommer. Denn bereits in der zweiten Woche nach Toreschluß kamen Torwart Péter Gulácsi, Mittelfeldspieler Stefan Ilsanker und Stürmer Nils Quaschner dazu. Wenn man dann noch Massimo Bruno und Marcel Sabitzer zählt, die sich wie Bolle darüber freuen, die umher schiebbaren Knetmännchen des RR zu sein, kommt man bereits auf sieben Neue. Was auch nötig ist, bei dem Aderlass, den Ralle der Mannschaft verordnet hat – auf dass sie gesunde und endlich abliefere.

Auf den Thron des Statthalters setzt sich Ralf einfach selbst

Denn, dass es neben den strukturellen Möglichkeiten, die eine quasi grenzenlose Geldeinlage bietet, natürlich auch handelnde Personen braucht,  die die nötige Verve an den Tag legen, ein Fußballteam halbjährlich auf eine Art und Weise in die Welt zu werfen, an der Kreationisten ihre blanke Freude hätten – auch dieser zweite Aspekt trägt zum Spezifikum RB Leipzig bei. Das Spektakel muss ja auch konzertiert werden und fällt nicht einfach vom Himmel.

Game of Thrones_Thron_Lego
foto: crises_crs | flickr

Und auch diesbezüglich gab es in den vergangen Wochen Entwicklungen, die erst kurz zuvor als Möglichkeit als vollkommen absurd zurück gewiesen wurden. Da andere die Idee offenbar nicht so prickelnd fanden, unter einem RR zu dienen, der ohnehin nur eingesetzt ist, um eine aus der Leitstelle vorgegebene Fußballidee (aggressiver Überfallfußball, die Werbebotschaft lässt grüßen) in jedem ihm übertragen Team zu implementieren, setzte sich Ralf von Schwaben kurzerhand selbst auf den Statthalterthron. Ist sowieso die „in dieser Situation für uns alle … sinnvollste“ sowie “ für die Weiterentwicklung der Mannschaft …  beste Lösung“. Diese Zeilen stammen natürlich von ihm selbst.

Um sich auch hier als maximal flexibel und steigerungswillig zu präsentieren, verzichtet man also bei den Österreichern darauf, einen Trainer, der eine Mannschaft aus den Tiefen der deutschen Ligalandschaft in die zweite Bundesliga führt und dort gegen eine starke Konkurrenz gleich im oberen Drittel landete, einfach mal machen zu lassen. Stattdessen greift man (selbstverständlich) gleich zur Maximallösung. Wenn man sich da mal nicht verrechnet hat. Denn sollte RR „scheitern“ und in der zweiten Liga verbleiben (sehr unwahrscheinlich, zugegeben), wohin will man dann noch wachsen? Wäre es dann nicht auch zwingend diesen und seine das Gesamtprojekt retardierende Art auszutauschen? Fragen über Fragen. Sicher ist indes, dass das Spektakel und die Inszenierung der eigenen Potenz bleiben und dass Spieler, Funktionäre und Offizielle in diesem Planspiel nur insofern eine Rolle spielen werden, als dass sie schon von Beginn an als austauschbare Trittbretter hin zum nächsten zwanghaft gesuchten Höhepunkt fungieren.

 

 

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