Traditionskommerz

Dieser Tage heißen die Gegner des Leipziger Fußballprojektes ja „Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht von 1895 e.V.“ und „1. FC Union Berlin“, und damit schlagen die Wogen mal wieder hoch. Wenig überraschend lautet die Gewissensfrage: Tradition oder Kommerz? Auf der einen Seite stehen dann die Vereine, die noch unter Bismarck gegründet wurden, und auf der anderen dann RB, das das Sinnbild für das Label Kommerz abgibt. Selbst in der sonst erfrischend kreativen „Deutschen Akademie für Fußballkultur“ in Nürnberg fand kürzlich eine Diskussion statt, die im Titel „Marken gegen Tradition“ eine nur leicht modifizierte Fassung der immer gleichen Gegenüberstellung trug.

Um es gleich mal auf den Punkt zu bringen: Wir halten das für die falsche Ausgangsfrage. Das liegt nicht daran, dass uns nach der jüngsten sportlichen Durststrecke das Mitleid mit den Limonadeliebhabern gepackt hätte – im Gegenteil. Aber die Alternative ‚Tradition oder Kommerz’ verdeckt die wirklich kritischen Punkte am Projekt RB. Sie teilt die Welt in zwei Lager, dass Moses seine helle Freude gehabt hätte. Sie ist so herrlich einfach, dass die ganzen TV-Praktikanten und Print-Volontäre Beiträge produzieren können, die einen scheinbar schmissigen Aufhänger haben und nicht länger als ne halbe Stunde Recherche erfordern. Und sie greift diffus etwas auf, was vielleicht tatsächlich von Wert ist. Aber die Frage nach Tradition oder Kommerz ist schlicht zu simpel.

Die falsche Alternative

Im Grunde ist es doch eine Binsenweisheit: Wenn Kommerz heißen soll, dass Fußball professionell betrieben wird und Vereine nicht endlos Schulden anhäufen können, dann sind alle ab spätestens Liga vier im gleichen Boot, und manche „Kommerzvereine“ wirtschaften da nachhaltiger als die eine oder andere Traditionstruppe.

Und Tradition? Wenn dies Jahre seit der Gründung heißen soll, dann schneidet Union im Vergleich zu Braunschweig jetzt nicht so berauschend ab, und auch sonst geschätzte Klubs wie der Rote Stern Leipzig geraten fast schon in den Verdacht, ganz ohne diese schicke Tradition dazustehen. Und von den TV-Sendern, die die Traditions-Debatte immer wiederkäuen, wird das T-Ding nicht selten auch nur daran gemessen, auf wie viele zahlende Zuseher man sich verlassen kann, auch wenn das Spiel mistig ist. Tradition ist allzu oft ein Argument, mit dem man sich gegenseitig auf die Schulter klopft und die Reihen gegenüber Neuem schließt. Das ist nicht nur aktuell beim Fußball so, aber umso aberwitziger in einem Feld, das sich selbst als Wettbewerb organisiert.

Nun kommt aber das Problem. Weil die Gegenüberstellung so falsch ist, wird auf ihr auch nur lustlos herumgekaut und sie dann ausgespuckt. Mit der atemberaubenden Entdeckung, dass auch Traditionsvereine wirtschaftlich agieren müssen, ist dann aber zugleich auch jede Kritik an Vereinen wie RB beendet und ihnen Absolution erteilt. (Vor dem Spiel gegen Kaiserslautern holt man den ganzen Quatsch dann aber doch wieder raus.)

Kritik hier entlang!

Wo diese Kritik eigentlich ansetzen müsste, kann ja hier an einem herrlichen Spätwintertag nachgelesen werden. Noch einmal kurz gesagt: Bei RB ist nicht fehlende Vereinstradition das Problem, sondern dass es eigentlich gar keinen Verein gibt. Stattdessen agiert hier eine Handvoll Menschen, denen vor allem Red Bull am Herzen liegt. Die leben mit den Millionen des Gebieters den feuchten Traum jedes adoleszenten Kindes, das nächtelang Fußball-Manager am PC gespielt hat und nun echte Menschen für echtes Geld kaufen und verkaufen kann. Und Trainer entlassen natürlich. Fragen nach Mitbestimmung etwaiger Vereinsmitglieder oder Transparenz fallen dabei in die Kategorie ‚schlechter Witz’, und was den Wettbewerb angeht, können die anderen ja auch sehen, wo sie soviel Kohle herbekommen.

Um diesen Irrsinn zu kritisieren, muss man nicht die Traditionskeule auspacken. Aber man muss sich vielleicht auch ein wenig mehr anstrengen als der von uns so verehrte Hans Meyer. Auf der Nürnberger Veranstaltung wiederholte er das Argument, das einem auch in Diskussionen mit Kulturindustrie-Theoretikern begegnet: So wie mit RB läuft das nun mal im Kapitalismus, und wer das ändern will, muss auf die Straße gehen. Mit Hans Meyer gehen wir natürlich überall hin, aber angemerkt sei schon, dass auch dieses Argument reichlich einfach ist. Damit tut man so, als gäbe es nur die Entscheidung zwischen Manchester-Kapitalismus und dem Paradies; als würden nicht auch in einer „freien Marktwirtschaft“ (Hans Meyer) Regeln gelten, die dann so oder so aussehen können. Und als könnte man nicht wenigstens versuchen, auf der Suche nach der besten Fußballmannschaft weiterhin ein wenig Sport und nicht nur Produktwerbung zu betreiben.

Ausblick mit Tradition

Da wir sonst ja kein Hobby haben, ist uns aber auch aufgefallen: Irgendwas scheint an diesem Traditionsding dran zu sein. Weshalb sonst versuchen die Kommerzvereine sonst so sehr, ihre eigene Tradition zu erfinden oder wenigstens zu beginnen? Wir behalten das mal im Auge. Vielleicht hat es doch etwas mit dem Wissen darum zu tun, dass ein Verein nicht einfach so von selbst hundert Jahre lang besteht. Dazu gehören eine Menge Leute, die sich engagieren, die auch jede Menge langweiligen Kram erledigen und auch sonst viel Zeit haben. Und vermutlich lässt sich ein Verein auch nicht über Jahrzehnte allein von oben lenken, während von unten nur Applaus und das Eintrittsgeld erwartet werden. Das alles ist aber dann höchstens in zweiter Linie eine Frage von Tradition. Sondern von Beginn an eine Frage des Stils.

Ein Gedanke zu „Traditionskommerz“

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