Höher, schneller, weiter

Zugegeben: Wir hatten etwas Mühe, aus dem Winterschlaf zurück zu finden. Da wir die Aufputsch-Getränke des Gebieters standhaft verweigern und Kaffee schon lange keine Wirkung mehr zeitigt, lagen wir lethargisch im Entmüdungsbecken des Lebens und sahen freudlos einer Rückrunde entgegen, die vermutlich irgendwie spannend werden könnte, aber auch nur für die, die es interessiert.

Doch dann kam Ralf Rangnick, und es ging Alexander Zorniger. Klar, wir sehen alles vorher, für uns war das nicht überraschend. Für manch Andere aber irgendwie schon, beteuerte der Sportdirektor doch bis zuletzt seine Treue gegenüber dem Trainer. Oder, um es deutlich weniger empathisch zu sagen: Er betonte schlichtweg die Blödsinnigkeit etwaiger Entlassungen. Um selbiges dann doch zu tun.

Okay, gegangen ist der Zorniger dann selbst, schon klar. Aber solche Feinheiten interessieren höchstens die Streber unter den Arbeitsrechtlern, denn im Sommer wäre ja wohl ohnehin Schluss gewesen, wie man Zorniger mitteilte.

Ein wenig fühlt man sich am Ende dieses Tages wie bei Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Gleichwohl, in aller Bescheidenheit, hier unsere knappen Beobachtungen zur Personalentscheidung des Jahres (also jedenfalls bis dann im Juni Thomas Tuchel präsentiert wird):

1) Rangnick gegen Rangnick

Wer Ralf Rangnick wirklich ist, weiß vermutlich kaum jemand. Ist sowieso eine bescheuerte Frage. Öffentlich jedenfalls existieren von ihm jedenfalls mindestens zwei Versionen: der Entwickler und der Drängler. Der Entwickler ist der Rangnick, der von Talenten redet, der Dinge entwickeln will, der „Blue Chips“ entdecken möchte und der etwas aufbauen will. Es ist der Rangnick, dem ein 25jähriger im Grunde schon zu alt ist; der Rangnick, der von unten kommen will und bei dem ein wenig auch immer der Weg schon das Ziel ist. Dieser Rangnick schaut immer auch zurück, er weiß, wo er herkommt, und was dafür notwendig war.

Der andere Rangnick will nach oben. Und zwar sofort, und zwar nach ganz oben. Verzögerungen sind dabei zwar unvermeidlich, aber trotzdem ärgerlich, und irgendjemand muss daran schuld sein. Dieser Rangnick kennt keine Grenzen, sondern nur temporäre Hindernisse, und diese müssen überwunden werden, und zwar schnell. Wenn dieses Hindernis so aussieht wie ein Trainer, der bis eben noch ziemlich erfolgreich arbeitete, nun aber ein paar Spiele nicht mehr gewonnen hat und zudem den Verdacht weckt, dem Entwickler-Rangnick sehr nahe zu stehen, dann greift der Drängler-Rangnick durch. Zumal er sich nicht eines Tages vom Gebieter fragen lassen will, warum das so lange mit der Ersten Liga dauert. Da wird man lieber mal pro-aktiv und schiebt damit auch vorbeugend schon mal die Schuld auf andere.

2) Knallhart oder Kuscheln?

Schon der im Raum stehende Verkauf von Kapitän Frahn brachte das RB-Fanlager in Wallung. Doch kaum hat man Zeit, das Popcorn wieder zur Seite stellen, da zündet der sympathische Leipziger Betriebssportverein den zweiten Kracher. Und erneut flammt ein Grundsatzstreit auf, der an jeder Ecke (unausgesprochen) eine Rolle spielt: Was für ein Verein soll dieses RB eigentlich sein? Ein richtiger, kuscheliger Verein, der nicht zufällig hier im Osten spielt und den man aufrichtig gut finden kann, oder ist er dann doch und ganz gewollt und ganz unverhohlen die Ausgeburt des professionellen Fußballs, der kühle und berechnende, zugleich aber krass erfolgreiche Hochleistungsclub, der in seiner abgefuckten Art den anderen Vereinen nur den Spiegel vorhält? Zwischen diesen beiden Polen pendelt der gemeine RB-Fan hin und her, und die Offenheit dieser Frage bricht in den Diskussionen um der Für und Wider der Zorniger-Entlassung wieder auf. Eine Klärung scheint nicht in Sicht, und aus Sicht der Vereinsverantwortlichen muss das auch nicht sein: Je nach Situation bedient man sich eines role models, um das zu tun, was man jeweils tun will.

3) Verlautbarung statt Recherche

Die Leipziger Presse- und Medienlandschaft ist im Hinblick auf RB weiterhin ein Trauerspiel, und natürlich allen voran (oder: hinterher) die LVZ. Außer purer und (sieges)trunkener Anbiederung hat das Blatt offenbar keine Ahnung, was bei RB abgeht. Die online-Ausgabe brüstet sich zwar noch, am Mittwochmorgen als erste von der Zorniger-Demission berichtet zu haben, aber schon das ist reichlich dürftig und nur im Sekundenbereich zu messen. Noch dünner wird es, wenn man sich die folgenden Artikel ansieht. Wahllos aneinander gereihte „Kommentare“ von Personen, die den Reportern irgendwie als „RB-Anhänger“ erschienen; dazu die ordentlich abgetippten Pressemitteilungen des Vereins und die Zitate der Pressekonferenz. Mehr ist nicht.

Da loben wir uns schon die Konkurrenz von der BILD. Die haben zwar auch keinen wirklichen Durchblick, aber immerhin haben sie zugehört, wenn Rangnick von der bald erworbenen RB-Tradition erzählte. Und so lasen wir heute bei bild.de die schöne Information: „Zorniger war seit 2012 Jahren Coach in Leipzig, führte das Team von der vierten in die zweite Liga“. Dies erklärt, dass Jesus schon als Kind in RB-Bettwäsche schlief, und so gesehen war die Trennung von Zorniger schon lange überfällig.

Wir sind jedenfalls ab sofort hellwach und auf die Rückrunde gespannt. Vielleicht gibt es sogar noch richtigen Abstiegskampf.

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