Identifikationsfreigabe

Während die Zeitung mit den vier großen Buchstaben aufgrund der jüngsten Wechsel und Wechselgerüchte um Red Bull-Spieler sensationslüstern das Fußballprojekt RB in Frage stellt, spielt sich vor der Leipziger Haustür wesentlich Bemerkenswerteres ab. Dass Leihspieler, internationale Ausnahmetalente oder ein 22-Jähriger vor dem nächsten Karriereschritt mal eine der RB-Filialen verlassen, dürfte in Rangnicks entwickelnder Personalpolitik einkalkuliert sein. An der Freigabe Daniel Frahns und den Reaktionen darauf zeigt sich aber, dass die gern beschworene lokale Einheit in rot und weiß durchaus rissig ist. Und die Sollbruchstelle in der Marketingfassade heißt wenig überraschend Identifikation.

Die LVZ macht auf der heutigen Meinungsseite vierspaltig mit drei Leserbriefen und Foto zur Frahn-Freigabe auf und legt nach dem Artikel vom Heiligabend damit in der Causa (Ex-)Kapitän nach: Damals schon hatte die Sportredaktion für ihre Verhältnisse beinahe hörbar ins Horn der Kritik gehaucht. WhatsApp-Statuszeilen und Weihnachtspläne wurden zur Illustration des kickenden Personals als Menschen herangezogen, und Guido Schäfer schloss gar mit: »Ja, sie werden rauher, die Winde bei RB Leipzig.«

Ob die Sportredaktion der LVZ hier versucht, sich als echtes journalistisches Gegenüber zu etablieren, oder ob das Endlich-Bundesliga-Fähnchen zum Jahreswechsel nur etwas ermüdete, ist eigentlich egal. Spannender sind die Zuschriften, die man ausgesucht hat, um die Story heute nachzuwaschen. Tenor: RB mit erstem grobem Patzer, was die Performance als lokaler Verein angeht, der der Region nur Gutes und niemandem weh tut.

Bei mir ist das Verständnis und die Sympathie für die „Macher“ von RB ein Stück weit verloren gegangen. — H. Wolfram

Ich jedenfalls bin sehr enttäuscht von RB Leipzig. — W. Sommer

Das Abservieren von Daniel Frahn passt sich leider ein in das Bild, was viele RB-Gegner verbreiten. […] Wir wollen Jungs wie Daniel Frahn spielen sehen, die mit Herzblut dabei sind und nicht nur wegen der Kohle irgendwie in Leipzig gelandet sind. Mag sein, dass RB das Ganze anders sieht und Leipzig tatsächlich nur ausgewählt hat, weil hier die Chancen, Geld zu machen, am größten sind. Aber dafür, lieber Herr Rangnick und Co., haben Sie nicht länger meine Unterstützung. Ich werde, zumindest in dieser Saison, die RB-Arena nicht mehr besuchen! — T. Toepler.

Was lernen wir daraus? Die lokale RB-Anhängerschaft besteht mitnichten nur aus Na und?-Zynikern und Eventfans mit der Aufmerksamkeitsspanne von Goldfischen, wie Twitter- und Blogkonsum zum Thema glauben machen. Da scheinen doch ziemlich viele Argumente durch, die verdächtig nach dieser verschrieenen Fußballromantik klingen! Da geht es um in der Vergangenheit Geleistetes und Dankbarkeit und Identifikation mit der fünfjährigen Geschichte.

Natürlich wird dieses kleine Zwischenspiel die Franchise nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen. Aber es tut sich eine Sollbruchstelle auf, die dem „normalen Leipziger Fußball-Fan“ das Projekt offenbar unsympathisch macht.

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