Geschichtsprofessor Rangnick, Katar und 1936

Die alte Geschichte mit Rangnick, dem ZDF-Sportstudio und seinem seitherigen Ruf als „Professor“ ist ausgelutscht, langweilig und nebenbei eine Beleidigung für jeden Professor außer Bernd Lucke. Interessant war jedoch Rangnicks neuerlicher Ausflug ins Belehrende. Diesmal ging es um Historisches, wobei Rangnick es aber verstand, auch die politische und sportliche Gegenwart präzise zu sezieren. Vor allem aber offenbarte er das Weltbild der RB-Führung: Am meisten interessieren wir uns für uns selbst.

Das Ganze fand vor wenigen Tagen statt; auf dem Podium der Pressekonferenz zum 1860-Spiel saßen Zorniger und Rangnick. Nach einer halben Stunde des üblichen Palavers auf einmal eine Frage, die in Fußballkreisen wohl als „kritisch“ eingestuft wird. Sie kommt vom rotebrauseblogger, der jeder ernsthaften Kritik an RB natürlich unverdächtig ist, aber das wird ihm in den folgenden Minuten auch nicht helfen:

 „Sie fahren ja Ende Januar ins Trainingslager nach Katar. Das ist ja jetzt als Land oder als Gegend nicht ne unkritische Gegend gerade. War das ein Thema? Stichwort Menschenrechte, viele Tote auf den WM-Baustellen… War das ein Thema bei der Auswahl des Trainingslagers? Wird das ein Thema sein in der Vorbereitung des Trainingslagers? Werden Sie damit irgendwie umgehen oder ist das völlig außen vor?“

Die Fragen sind natürlich so berechtigt wie naheliegend. Katar ist (sport)politisch schon lange Thema, zuletzt im Zuge der Vergabe der Leichtathletik-WM 2019 nach Doha. Keineswegs nur auf den Fußball beschränkt ist der Vormarsch des Emirates bei der Veranstaltung großer Sport-Events, aber im Zuge dieser Prominenz häuften sich die Berichte über teilweise katastrophale Zustände im Land und nicht zuletzt dort, wo Sportstätten gebaut werden. Von den Bestechungsvorwürfen bei der Vergabe der Fußball-WM 2022 ganz zu schweigen.

Selbst vor diesem Hintergrund aber ist die Situation bei der Pressekonferenz nicht wirklich gefährlich, baut die Frage ja schon eine Brücke zum sicheren Ufer und zu Antworten im Sinne von „Ja, wir sind da aufmerksam und kennen die Problematik“. Aber nix davon.

Erst antwortet Zorniger und beschränkt sich aufs Sportliche, „top-Bedingungen dort“ und „Synergie-Effekte“ – man kann schließlich gegen die Salzburger Filiale spielen. Für irgendeinen Lokalreporter ist damit die Sache schon geklärt und der Ring frei für die nächste Anbiederei, doch immerhin, die neue Wortmeldung unterbrechend weist Zorniger darauf hin, dass die Frage ja auch an Rangnick ging. Offenbar ist ihm klar, dass der Verweis auf sportliche Bedingungen nicht alles gewesen sein kann. Rangnick jedoch ist offensichtlich genervt und gelangweilt zugleich. Und wird dann deutlich:

 „Ja also, ich meine, die andere Frage ist mir ehrlich gesagt zu populistisch, um sie zu beantworten…“

Populistisch! Er sagt tatsächlich „populistisch“! Damit kann er nur das Gegenteil von „sachlich“ meinen, und das hieße dann: In Katar ist alles spitze, aber obwohl dort alles bestens ist, kommt hier jemand an und versucht auf Kosten von RB und von Katar, Punkte zu machen, weil das gerade angesagt ist. Schon das ist beeindruckend tumb, aber Rangnick noch nicht genug. Praktisch wider eigenen Willen antwortet er doch (weiter):

„…weil dann können Sie mir mal ein paar Länder aufzählen, wenn man diese Maßstäbe überall anlegen würde und sie angelegt hätte in den letzten vierzig, fünfzig Jahren bei diversen Olympischen Spielen, die stattgefunden haben in diversen Ländern, dann hätten nicht viele dieser Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften stattfinden dürfen.“

Das „diese“ vor den Maßstäben betont Rangnick, damit nochmal allen klar wird: Menschenrechte sind ja wohl das Lachhafteste seit Erfindung der 50plus1-Regel. Gut, das haben wir jetzt verstanden. Aber dann wird es groß: Ohne Umschweife wird aus dem RB-Trainingslager eine Weltmeisterschaft, und sogar die Olympischen Spiele sind nicht außergewöhnlich genug, um hier gleich mitverhandelt zu werden. Alles für die Botschaft: Wer nach Menschenrechten fragt, bekam schon oft keine Antwort. Und für das Standardargument Nummer Eins: Wir sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Welt ist schlecht, und wir machen einfach mit.

Klar, mit Katar sind noch ganz Andere ganz dicke. Erst am Wochenende lavierte sich Rummenigge mit dem Verweis auf die sportlichen Anlagen in Doha heraus. Aber wer meint, hier ginge es nicht (auch) um RB, der argumentiert genauso billig wie Rangnick. Der hatte sein Pulver noch nicht verschossen. Wo waren wir stehengeblieben? Achso, bei den ganzen Olympischen Spielen, die nicht stattgefunden hätten, wenn man so gutmenschig wie heute gewesen wäre. Aber nichts leuchtet so sehr ein wie ein Vergleich mit den Nazis:

„Übrigens teilweise auch schon vor längeren, längeren, längeren Zeiten auch nicht in Deutschland, nur nebenbei bemerkt. Also von daher sollten wir da ein bisschen aufpassen mit solchen Dingen, wenn wir die heranziehen, dann dürften auch viele andere Mannschaften aus der ersten und zweiten Liga in ihre Trainingslager in manche Länder nicht gehen, von daher denke ich… wir haben dort top-Bedingungen…“

Endlich verstanden? Wenn die Welt und wir selbst es immer so genau genommen hätten mit den Menschenrechten wie der populistische Frager, dann hätten wir heute keine schönen Fotos mit Hakenkreuzen und den Olympischen Ringen drauf. Oder eben nur „teilweise“. Aber noch schlimmer: Wenn das mit den Menschenrechten so weiter geht, dann müssten auch noch andere Mannschaften umbuchen! Das ist selbstredend unzumutbar. Und was den Anderen egal ist, muss uns doch nicht kümmern.

Ein Wahnsinn.

Rangnick erklärt nun lieber, was seine eigentlichen Sorgen bei der Angelegenheit waren: Dass man sich ein wenig zu sehr schon wie ein Erstligist benimmt, anstatt weiterhin schön in die Türkei zu fahren. Aber gut, diese Skrupel hat er dann irgendwie überwunden und freut sich nun auf die „Aspire Academy“, das Trainingszentrum in der Nähe von Doha, das eine in jeder Hinsicht irre Veranstaltung ist und für Katars neue Sportpolitik steht, bei der mit riesigem Aufwand aus dem vergleichsweise kleinen Land reihenweise Olympiasieger rausgeholt werden sollen.

Ein Glück, dass RB nur mit einem Männer-Team anreist, denn Frauen haben es in der Aspire-Academy nicht so leicht. Ariane Friedrich war zum Beispiel nur sehr ungern gesehen und sagte dann gleich selbst ab. Das würde Rangnick natürlich nicht einfallen, zumal er nicht nur über historische Expertise, sondern auch über eigene Erfahrungen verfügt. Sage und schreibe „zehn Tage“ war der investigative Sportsmann letztes Jahr in Katar, und Überraschung, nicht nur der Sportplatz war schick, sondern

„auch die humanitären Bedingungen, nennen wir sie ruhig mal so, die wir dort im normalen Leben mitbekommen haben, die waren top“.

Von den „humanitären Bedingungen“ spricht Rangnick offenbar so ungern wie von „Traditionsvereinen“, wobei es die ja immerhin zu geben scheint. „Humanitäre Bedingungen“ scheint in seinen Augen eher so eine ausgedachte Sache zu sein, aber falls es sie doch gibt, waren sie klasse. Zumal ja eh die ganze Welt verlogen ist, denn über Brasilien, „da schreibt komischerweise niemand nur annähernd so sehr darüber, so kritisch“.

Das ist zwar nicht wahr, aber für Rangnick wird es schon so stimmen. Überhaupt erinnert das alles schon sehr an Opa Beckenbauer, der selbstredend versichern konnte: „Ich hab noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen.“ Gibt es denn nicht auch bei Red Bull so eine Abteilung für Corporate Social Responsibility? In neun von zehn Fällen sind die zwar auch eher Marketing-Experten als wirklich an Verantwortung für Andere interessiert. Aber immerhin könnten sie Rangnick und uns vor solchem Gefasel schützen.

So naiv kann der doch nicht sein, dass er denkt, damit durchzukommen. Ah, da kommt schon eine kritische Nachfrage! Bestimmt hakt einer nach, Achtung:

„Herr Rangnick, wie sehen Sie die Entwicklung der U23 von RB Leipzig?“

Ende. Ohne Pointe.

4 Gedanken zu „Geschichtsprofessor Rangnick, Katar und 1936“

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