Transparenzparadies für den Powerjournalismus

Vor allem in den letzten Wochen haben wir Marcel Reif ein ums andere mal schmerzlich vermisst. Zwar vielmehr noch den kühnen „Zauberer“, der nicht nur den eher widerspruchungewohnten Kaiser-Teamchef Franz Beckenbauer geflissentlich piesackte und noch jahrelang der scharfzüngigste Fußballdeuter hierzulande war, als den späten Reif, dessen engagierte und nicht gleich auffallend gelangweilten on air-Minuten auf ein Minimum geschrumpft waren. Aber uns hätte jüngst ja schon seine offenkundig beleidigte Stimmlage gereicht, mit der er beispielsweise im vorletzten Frühjahr vermehrt der über Monate hinweg von der Sky-Regie aufgesetzten Vorgabe nachkam, das schlussendlich schnell vergängliche Ringduell zwischen Floyd Mayweather Jr. und Manny Pacquiao im eigenen Live-Spielkommentar zum vermeintlichen „Jahrhunderboxkampf“ aufzuladen.


Nur hat der leider auch schon 67-jährige Reif bekanntlich vor der Saison dem Bundesliga-Pay-TV den Rücken gekehrt, sodass zuletzt niemand der gegenwärtigen Sky-„Klatschpappen“ (Zit. @sparschaeler) auch nur ansatzweise zur Erkenntnis kommen wollte, dass die enervierenden Dauerhinweise auf die hauseigene Doku „Generation Power-Fußball – die Idee RB Leipzig“ mindestens den legitimen Straftatbestand vorsätzlicher Gehirnwäsche erfüllten. Unsere bekehrungsfreudige Beeinflussbarkeit wiederum hatten sie damit schamlos ausgenutzt. Voller Vorfreude und mit aufgeschlagenem Tafelwerk waren wir vollkommen davon überzeugt, uns stünde am Mittwochabend noch die Entschlüsselung der quantenphysikkomplexen fußballerischen Enigma von RB Leipzig sekündlich bevor.

E = m x c zum Quadrat – Rückkehr nach Schloss Einstein

Nun ja, dieser frommorthodoxe Glaube an die vom Cottaweg aus in die Welt der Unwissenden getragene verheißungsvolle Fußballidee wurde dann jedoch ziemlich ins Wanken gebracht. Das dramatische Intro kündigte mitreißend Bahnbrechendes an, doch angesichts des in Sachen RB leider schon allzu gewohnten heimeligen Heile-Welts-Geschwafels während der folgenden knappen halben Stunde wären Sebastian Krumbiegel und der MDR-Kinderchor das weitaus geeignetere musikalische Hintergrundrauschen gewesen.  Denn – soviel vorweg – mehr als endlich wieder einen Besuch auf Schloss Einstein bekommt man nicht zu sehen.

„Viel Athletik, schnelle Sprints, der jüngste Kader der Bundesliga […] Perfektion ist Trumpf!“ scharwenzelt Autor und Regisseur Jürgen Müller pflichtbewusst aus dem Off. The Wizard of Off. Aber dass E = m x c zum Quadrat die dem Geheimnis unserer Bullen einzig auf die Schliche kommende Formel ist, wissen wir Bluechips schon seit Ralf Rangnicks Amtsantritt. Die blumigste Laudatio bleibt allerdings Ralph Hasenhüttl vorbehalten. „Jedes Training ist ein Erlebnis mit den Jungs, wenn wir unsere engen Spielformen spielen; welche Lösungen sie uns dann immer wieder zeigen und man gar nicht mehr mitkommt, weil das alles so schnell geht. Das ist schon faszinierend“, schwärmt der stolze Lehrer, als würde er eine vielfach prämierte „Jugend forscht“-Gruppe anleiten.

Doch ohne ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung wird sich noch der talentierteste Jungbulle am indoktrinierten „Powerfußball“ kläglich verheben, weswegen die Klubperfektionisten nichts dem Zufall überlassen und selbst das Zubettgehen volljähriger Bundesligaprofis kontrollieren. Denn „Spieler, die schlapp sind, könnten sich leichter verletzen“, zitiert Müller fachkundig aus seiner sportwissenschaftlichen Doktorarbeit. Bloß gut, dass auf diese Schlussfolgerung noch niemand anderes gekommen ist. Wobei, wer sich wie wir hypnotisiert auf diese Doku einlässt, kann sich nur genau das vorstellen.

Sehnsucht nach der obligatorischen Konkurrentenschelte

Folgerichtig sehnten wir also noch die obligatorische Konkurrentenschelte herbei, mit der alle Jünger auch schon bald belohnt werden sollten: „RB unterscheidet sich mit seinem Ansatz von anderen Aufsteigern. In Leipzig wurden kaum renommierte Profis verpflichtet, die die erste Liga kennen und für eine Hackordnung sorgen.“ Mit freundlichen Grüßen an den vor renommierten Profis überquellenden Kader des SC Freiburg oder frühere Aufsteiger wie Darmstadt, Ingolstadt, Paderborn, Braunschweig, Fürth, St. Pauli oder Mainz. Aber weil das alles noch nicht dämlich genug ist, um wahr zu sein: „Hier sind fast alle im gleichen Alter, es bilden sich auch privat Freundschaften.“ Vor allem unter BFF’s, wie es Davie Selke und Yussuf Poulsen sind, gönnt man sich sogar gegenseitig die Einsätze, auch wenn der eine kaum weniger Ambitionierte dafür auf der Bank versauert.

Doch noch ehe uns alle Tränen der Rührung über die Wangen geronnen sind, schlägt Jürgen Müller in bester „Deep Throat – Follow the Money“-Manier knallhart das Wirtschaftsressort auf: „Finanziell ist RB mit dem Gehaltsetat im Mittelfeld.“ Am Mittwoch in der Münchner Arena hatten sie dann leider gleich ganz auf ein Mittelfeld verzichtet. Ohne Salary Cap wäre das nicht passiert. „Alles ist, alles ist relativ normal. Alles ist, alles ist uns manchmal echt egal, denn Einstein hatte nur ne’ vier in Mathe.“ Aber genau dafür haben Sky, Jürgen Müller und sowieso wir alle sie ja auch schneller als einen blitzartigen Yussufpoulsenkonter ins Herz geschlossen, unsere stets bescheidenen Bullen.

Und in Wahrheit bilden keine elenden Formeln, Daten, Fakten, ein „Riesenspeicher, den man füttern muss“ oder sonst was Geniales den eigentlichen Kern dieser dokumentarischen Romanze von Sky und RB, sondern drei Angehörige der Generation Powerfußball. Dieser einzigartigen, patentpflichtigen „Idee“ aus dem Hause RB, der Müller wie kein Zweiter auf der Fährte ist, dabei „den Zuschauern einmalige Einblicke in den Alltag von Profifußballern gibt und einen Blick hinter die Kulissen des etwas anderen Aufsteigers wirft“, wie die Pressemitteilung aus Unterföhring anzupreisen wusste. Dass wir dabei von einem seichten Mix aus „Einsatz in 4 Wänden“ und „We are family – so lebt Deutschland“ berieselt werden sollten, verschwieg der Sender wohlweislich.

Gelb ist die Farbe der Neider: einzigartige Einblicke ins Herz der RB-Profis

„Ich fühle mich viel gelöster, viel freier vor dem Tor“, frohlockt der aus Stuttgart gekommene Neuzugang Timo Werner sogleich. Das muss an der Leipziger Luft liegen. Bloß gut, dass es RB noch nicht vor gut 25 Jahren gab, als die Schlote im Braunkohlesüdraum noch jedes weiß gewaschene Bettlaken auf der Leine pechschwarz berußten. Aber in den Wendewirren war ja noch nicht mal ansatzweise an solch exquisit aufbereitete Quartiersmöglichkeiten zu denken, aus denen Werner nunmehr im heutigen #Hypezig des postfaktischen Zeitalters 2016 auswählen konnte. Wir mussten ja erstmal alle für einen Bundesligisten auf die Straße gehen. Auf dem Weg zur Wohnungsbesichtigung („Hell ist sie, vielleicht noch ein bisschen zu klein“) lässt er die Kamera sogar auf den Beifahrersitz, um derweil am Lenkrad an seinem Image vom breitschultrigen StVO-Rambo zu feilen: „Hier muss man ziemlich aufpassen, hier gibt’s so viele Rotblitzer. Ich bin doch einer, der ziemlich oft und gerne auch über Gelb fährt.“

Aber Gelb ist bekanntlich die Farbe aller Neider, die wir bis auf einen in der Bundesligatabelle schon lange hinter uns gelassen haben. Für die wirklichen Herausforderungen des Lebens weiß Werner unterdessen stets die Presseabteilung des Klubs an seiner Seite, wie wir erfahren; allen voran nach seiner folgenreichen Elfmeterschwalbe gegen Schalke: „Er soll vor alle Kameras treten, um eine nachträgliche Sperre zu vermeiden“, rieten sie ihm eindringlich. Denn bei RB setzt man von Haus aus auf Transparenz, daran werden wir gleich noch erinnert. Das einzig Bemerkenswerte an dieser längst erschöpfend durchgekauten Chose ist ja, dass RB’s Kommunikationsdirektor Florian Scholz jahrelang selbst den Chefreporter von Springers Revolverblättchen Sport Bild gab, das sich seit jeher um zurückhaltenden Journalismus aus objektiv-feinsinnigem Vokabular verdient gemacht hat.

„Vielleicht hätte ich es energischer sagen müssen, dass Fährmann mich nicht berührt hat“, sagt Werner jedenfalls reumütig. Vielleicht hätte man aber auch Sky energischer sagen müssen, dass sie kein besserer Red Bull Mediahouse-Abklatsch sind. Die LVZ tat sich in ihrer Mittwochsausgabe jedenfalls mal wieder als der falsche Resonanzraum dafür hervor: „Bisher sind wir erst ein-, zweimal hinter die Wohnungstür von Fußball-Profis gekommen. Die Transparenz des gesamten Vereins ist nicht alltäglich. Der Klub hat nichts zu verbergen“, durfte Jürgen Müller dort allen Ernstes unwidersprochen zum Besten geben.

„Der Klub hat nichts zu verbergen“

Aber für nörgelnde Gedanken lässt uns Müller keine Möglichkeit. Denn „ein paar Straßen weiter“, gleich am „Stadtpark“, der älteren Einheimischen in prähistorischen RB-Zeiten noch als Clara-Zetkin-Park bekannt gewesen sein muss (aber damals trug das Zentralstadion ja auch noch seinen Geburtsnamen und Sky war noch Premiere), wohnt Davie Selke auf 160-Penthousequadratmetern in trauter 3er-WG mit Papa Teddy und Carlos – kein Schakal, nur ein Hund. Könnte also eng werden. „Im Leipziger Nachtleben sieht man Davie eher selten“, erfährt man dort. Das aber wäre wenigstens ein Aufhänger für eine RTL2-taugliche Milieustudie gewesen. Und selbst wer in seiner Freizeit irgendein Amüsement an den vier Wänden irgendwelcher Uper Class-Promis findet, sollte keinesfalls mit diesem Doku-Mehrteiler seine Zeit vergeuden, sondern lieber die MTV Cribs des guten alten, wirklich witzigen Mackers Shaquille O’Neal nachschauen, dessen Bett allein 160 Quadratmeter umfasst.

Ernsthaft greifbare Ansatzpunkte einer entwicklungsfähigen Story böte einzig und allein der wohltuend ungefilterte Terrence Boyd, dem nach zwei Kreuzbandrissen schon das Karriereende drohte, der nun um Anschluss und Berücksichtigung im Kader ringt und trotzdem vielleicht schon bald mit Freundin und kleinem Baby seine Zelte abbrechen muss, wenn er von Hasenhüttl weiterhin keine Chancen auf Bundesligaminuten bekommt. Das wäre Dokumentarjournalismus gewesen. Doch statt den Scheinwerfer auf Boyds Geschichte zu richten, schwingt ihn Jürgen Müller hin und her und kreuz und quer. Heraus kommt lediglich wohlfeile Klub- & Red-Bull-PR.

Aber wir wollen absolut nicht meckern, schon gar nicht am Wohlfühlfaktor dieses Formats. Im Nachmittagsprogramm von „Im Osten geht die Sonne auf-TV“ würden wir uns die Finger danach wundlecken, um unserem treudoofen Publikum derart „einmalige Einblicke in den Alltag von Profifußballern“ und „hinter die Kulissen des etwas anderen Aufsteigers“ bieten zu können. Das einzig wirklich Ärgerliche an diesem 0815-Werbe-Deal zwischen Sky und RB ist die vollkommen deplatziert aufgeplusterte Inhaltsleere im „Insider“-Gewand. Aber vielleicht erkundigen sich beide Partner für die weiteren Folgen dieser mehrteiligen Reihe ja einfach noch mal beim Platzhirsch, wie ein glaubwürdiges „down to earth“ Rummeniggescher Prägung gelingt.

 

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