Emendörfers beißende Satire

Wir schimpfen hier ja öfter auf die LVZ. Nicht ausschließlich weil wir es gern täten, oder weil wir uns chronisch nach einer qualitativ hochwertigeren Tageszeitung für die Region ™ sehnten. Nein, oft genug sind das Blatt und seine Macher selbst schuld [obwohl wir viele Kerstin Decker-Witze machen, ist in unserem Fall (bislang!) nur das Maskulinum zu nennen]. Heute ist aber der Tag, an dem wir uns verneigen müssen und sagen: Bravo LVZ!

Haben wir die Leipziger Volkszeitung als das lokale Organ der Verheißungskampagne oft geschunden (zum Beispiel hier), so hat sie uns nun in Gestalt eines „Leitartikels“ eines der wohl bislang besten und schärfsten Stücken Satire auf den RBL-Kult überhaupt geliefert [LVZ Titelseite 10.12.2016, leider nicht frei online zugänglich]. Einen ganz großen, donnernden Applaus für Jan Emendörfer bitte!

Grafik: Örk Auge Augsburg; Copyright: LVZ

Wie es dem Autor schon gelingt, mit dem Kinderreim „Wenn er schreit, dann fällt er“ im Titel das infantile Niveau der Anti-Anti-RB-Choräle („Ey, die mögen uns gar nicht!“) aufzuspießen, einfach herrlich. Doch Emendörfer hält sich nicht mit irgendwelchen Eröffnungszügen aus dem Journalistenlehrbuch auf, er knallt direkt einen unerwarteten Volley ans Aluminium: Wenn RB spiele, gehe es um die Ehre Leipzigs. Reiner und klarer hat bislang keiner diese Gleichsetzung, die so vielen (und RB am meisten) nützt, demaskiert.

Im zweiten Absatz wendet sich der Autor verschmitzt an die „Meinungsmacher“ und persifliert damit freilich auch seine eigene Rolle. Diese haben sich zu Unrecht auf den unbescholtenen Timo Werner eingeschossen! In dieser rhetorisch so geschickt ungeschickt überzeichneten Opferrolle steckt die zweite große satirische Absicht des Jan Emendörfer: die Persiflage der Vorwärtsverteidigung von RB-Anhängern. Nur aus dieser Position heraus lässt sich komplett verschweigen, dass eine Schwalbe eine Unsportlichkeit ist. Ein schreiendes Schweigen des Autors!

Zu einer Satire mit gesellschaftspolitischer, ja historischer Tragweite wird das Stück schließlich durch ein beeindruckendes Solo Emendörfers, dessen wahnwitzige geistigen Haken ihm so schnell kein anderer Schreiberling nachmachen wird:

„Da kommen einem die Tränen, weil es ja im Kapitalismus grundsätzlich immer um Gerechtigkeit geht. Als in den 90er-Jahren beim Zusammenbruch der Ost-Industrie Hunderttausende ihren Job verloren, da wurden sie belehrt, beides könne man nicht haben: Bananen und soziale Sicherheit. Klar, es heißt „soziale Marktwirtschaft“, aber rechnen müsse es sich schon.“

Nicht nur, dass Emendörfer hier dem „angry white man“ in seiner Ausprägung (verkappter) Pegidist einen wütenden lyrischen Ausdruck verleiht, nein, er schafft einen Vergleich, der Gezeiten überdauern wird. Die Kritik an einer Schwalbe wird nicht nur wütend zurückgewiesen, die Absender werden auch mit den Mitteln der Geschichte delegitimiert. Wer den Osten entindustrialisiert, wie dereinst die westdeutschen Besatzer im Morgenthau, der muss damit rechnen, dass die Rache kalt serviert wird. Und zwar in Form eines Tabellenführers, der sich fallen lässt. So wie der Kapitalismus den Osten einst fallen ließ – nur um ihn nun in Gestalt von RB Leipzig wieder empor zu führen.

Offener und dreister hat noch nie jemand die vollkommen verquere und von einigen – das satirische Genie Emendörfer ausgenommen! – ja sogar ernst gemeinte RB-Überidentifikation auf den Punkt gebracht: Geboren aus dem Gefühl, etwas zu verdienen, das einem von dunklen Mächten versagt wurde. Mit dieser Begründung setzt Emendörfer den RB-Kult in den zeitgeschichtlichen Kontext der sächsischen (Staats-) Ohnmacht und ihrer fremdenfeindlichen Auswüchse.

Zum Abschluss gibt uns der Autor noch einen Hinweis, wo nach den Ursachen, der Statik dieser Gesellschaftsminiatur zu suchen ist: In einer Zeit, in der man gemeinsam einstimmte und (zumindest einmal die Woche!) geschlossen nach außen stand: „Da danken wir brav und stimmen in den Fangesang ein: ‚Vorwärts Rasenball, Leipzig überall …‘.“

Spätestens hier dürfte auch den infamsten Kritikern klar geworden sein, dass es sich nicht um ein im alkoholischen Nebel verfasstes Machwerk handelt, sondern um echte, große Satire. Wir weinen vor Rührung und behalten uns den Abschluss eines LVZ-Abos vor.

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