BSG Motor Ostdeutschland

Wir denken ja immer: Schlimmer wird’s nicht. Und dann kommt, und in letzter Zeit passiert das immer häufiger, die ZEIT. Über die RB-Berichterstattung der LVZ lohnt ja kaum noch ein Wort. Aber offensichtlich ist es auch der Chefetage des Hamburger Wochenblattes egal, welches intellektuelle Niveau in der ZEIT im Osten-Redaktion unterschritten wird. Und so dürfen die Fanboys um Martin Machowecz eben machen, was sie wollen. In dieser Woche: Elf (diese Symbolik!) mehr oder minder prominente oder wichtige Menschen in oder aus Ostdeutschland dürfen ihren Senf zur Mondlandung der Tabellenführung von RB abgeben.

Man lernt beim Lesen eine Menge über Identifikation. Und über Glauben. Denn geglaubt wird von den Befragten sehr viel, und deshalb funktioniert es auch mit der Identifikation. Beispiele gefällig?

Über Glauben

Charly Hübner glaubt, dass RB „allen hier Selbstbewusstsein“ gibt. Jana Hensel glaubt ihre Tagträume vom Aufstieg des Ostens in Erfüllung gehen zu sehen, und als Erklärung für ihre eigene Verzückung schiebt sie gleich nach: „natürlich brauchen wir Helden“. Felix Dachsel glaubt noch doller als zuvor an den Hipstertraum von Hypezig: „Wildheit, Anmut, Altbau und günstiges Bier“. Anne Hähnig glaubt ganz fest daran, dass RB eine „Form von Ostemanzipation“ darstellt. Cathrin Gilbert glaubt an das „Wunder“, dass RB „die Bayern mit einem viel kleineren Etat überholt“ hat. Und OBM Jung glaubt daran, dass RB „auf Nachwuchsarbeit und Teamgeist“ setzt.

Foto: Doris-S & Jerry Bautisa Jr. / CC BY 2.0

Noch Nerven? Weiter: Ein Wirtschaftspsychologe (!) von der HHL glaubt in RB einen „fast postmodernen“ Verein zu sehen, „offen für alle Klassen und Schichten, für Neureiche wie für Arme“. Eine Politikerin der LINKEN glaubt im Stadion noch nie „rassistischen Unsinn“ [sic! vgl. 1, 2, 3] gehört zu haben; die „Leute sind aufmerksam“. Und der Politikprofessor glaubt, es sei „nur gerecht, dass die Sachsen nicht mehr durch halb Deutschland fahren müssen“.

Das alles ist natürlich Wahnsinn. Nur zur Erinnerung: Um ein Haar wäre RB in Hamburg, München oder Düsseldorf gelandet („Ihr steht doch auch für Coolness, Party, feiern und so“). Mehr oder minder Zufall. Mit dem Osten hat das nichts zu tun. Außer mit dem Umstand, dass man gerade hier mit einer Menge Menschen rechnen konnte, denen so ziemlich alles egal ist. Hauptsache sie bekommen endlich wieder etwas geboten, wovon sie glaubten, darauf einen Anspruch zu haben. Oder genügend Menschen wie Jana Hensel, die sich schlichtweg unterrepräsentiert fühlten, wenn sie den Namen ihrer Heimatstadt im Ausland nicht im Sportteil finden.

Endlich wieder selbstbewusst sein dürfen

Und offensichtlich funktioniert das auch. Dauernd ist in den elf Wortmeldungen die Rede von „dem Osten“, der jetzt durch RB repräsentiert würde, oder gleich von „uns Ossis“ (Hähnig) oder „wir, in Leipzig“ (Neuhaus-Wartenberg). Den Vogel schießt hierbei wieder Machowecz ab, der so komplett in Ost-West-Kategorien denkt, dass man meint, einen Artikel aus den frühen 1990ern erwischt zu haben. Da agiert die ganze Zeit „der Osten“, als gäbe es ihn in Person. Nah dran ist auch Charly Hübner, der „erst kürzlich“ auch mal Leipzig „besucht“ habe und nun klar urteilen kann: „In Zeiten wie diesen, gibt das allen hier Selbstbewusstsein.“ Wie viel weniger Bezug zur Materie kann man eigentlich noch zum Ausdruck bringen?

Sicherlich: Mit Glauben hat man es im Fußball nicht nur bei RB zu tun. Aber das Ausmaß, in dem man hier bereit ist etwas zu sehen, wofür es überschaubar viele Anzeichen gibt, ist schon sehr beachtlich.

Und mal abgesehen von der Grundfrage, was eigentlich dieser Kollektivakteur „der Osten“ sein soll und wer bei RB ihn repräsentiert (Mateschitz? Rangnick? Hasenhüttl? Mintzlaff?), ist es schon wirklich beachtlich, wieviel jetzt in dieses Projekt projiziert wird und wie sehr man sich von jeder halbwegs distanzierten Beobachtung auch bei der ZEIT verabschiedet hat. Bezeichnendes Detail: Der einzige Link zu potentiell kritischen Stimmen führt zum Eilenberger-Artikel „Wer Red Bull hasst, hasst sich selbst“, der viel über Eilenbergers Weltsicht, wenig aber über sinnvolle Argumente gegen RB beinhaltet.

Sehnsucht nach dem Kollektiv: „In Zeiten wie diesen“

Nur zur Klarstellung: Wir haben uns nicht nach einem (anderen) Ostverein gesehnt und sind jetzt nur mit RB unzufrieden. Wir finden schon die Idee eines Ost-Klubs generell zum Lachen, und dass sogar die ZEIT solchen Kollektiv-Fantasien hinterher rennt, sagt einiges über die Faszination solcher Ideen. Aber das Geilste ist wirklich, dass jetzt RB die Verwirklichung dieses Gespinstes sein soll, eine BSG DDR gewissermaßen, oder: Motor Ostzone.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-Z0411-051 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0

Man kann am Beispiel von RB viel darüber lernen, wie sehr manchen Leuten offenbar die Identifikation mit einem Verein wichtig ist, um Fußball mit Interesse und Spaß ansehen zu können. Und dass es dann nicht nur zweitrangig, sondern komplett egal ist, ob und wieviel dieser Verein mit der Stadt tatsächlich zu tun hat.

Aber spätestens jetzt hat der große Guido Schäfer schon Recht mit seiner Diagnose, dass „die großen Zeitungen“ das Thema RB schon lange nicht mehr diskutieren würden. Vermutlich wollte er damit seine LVZ in eine Reihe mit der ZEIT stellen. Vermutlich aber läuft es gerade andersherum: Die ZEIT ist endgültig auf Lokalpostillen-Niveau angekommen.

Nur um Charly Hübner ist es ein wenig schade.

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