Ralle: Schicksalsjahr eines Sportdirektorentrainers

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Bild: xtranews.de bei Flickr unter CC BY 2.0

Der Auftakt zur zweiten Saison in der zweiten Liga steht unmittelbar bevor. RB Leipzig startet morgen in Frankfurt gegen den FSV. Während das für einige Fußballfans recht früh im Sommer kommt, läuft am Cottaweg bereits seit 1. Juni alles auf Hochtouren. Schließlich geht es in eine Schicksalssaison – und mittendrin Sportdirektorentrainer Ralf Rangnick.

Voller Angriff aufs Oberhaus…

Dass man es bei RB Leipzig dieses Jahr in puncto Aufstieg wirklich wissen will, zeigt sich deutlich an den harten Zahlen. 15,6 Millionen Euro flossen in neues Personal für diesen Sommer. Rechnet man die ein Jahr im Salzkammergut gereiften de facto-Neuzugänge Bruno und Sabitzer mit ein, stehen gar satte 22,6 Millionen Euro an Ausgaben in den Büchern.

Um dem beliebten Normalisierungsargument »Die machen doch nur, was alle machen« mal ein paar Vergleichszahlen zur Seite zu stellen, hier die Transferbilanzen der vermeintlich aussichtsreichsten Mitbewerber um die Plätze eins bis drei: SC Freiburg (21,6 Mio), der SC Paderborn (2,8 Mio), der KSC (50.000) und der 1. FC Kaiserslautern (2,65 Mio) allesamt mit Transferüberschuss, einzig die Eintracht aus Braunschweig macht Stand heute 820.000 Euro Miese.

Allerdings wirken diese Zahlen nur im Kontext zweite Liga monströs. Plausibler ist es, den Kader-Marktwert und die Transfersummen schlicht schon als die eines kleinen Erstligisten zu lesen. Dafür steht auch der Selke-Transfer: Ein solcher Spieler kommt ja nicht wegen der Aussicht auf Zweitligafußball.

…aber neue Töne nach außen

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man im Hause RB sehr viel zurückhaltendere Töne in Sachen Aufstieg anschlägt als noch im Laufe der Vorsaison. Damals begann die Entzweiung mit dem zweimaligen Aufstiegstrainer Alex Zorniger (Rangnicks Aussagen nach), als AZ im November vergangen Jahres den Aufstieg mit dem Hinweis auf den fortwährenden Umbau des Kaders zur Zweitligareife vorerst abschrieb. Der Konflikt kulminierte dann in einer denkwürdigen Pressekonferenz nach der Winterpause, in der Zorniger sagte: »Der Ralf will aufsteigen und ich nicht.«

Jetzt ist der Ralf selbst Trainer und spricht auf einmal wie der Alex im vergangenen Sommer: »Der Aufstieg ist für uns kein Muss und erst recht keine Pflicht«, diktierte er SPOX in den Block. Natürlich lässt sich das alles als kluges Taktieren und abgewogene Öffentlichkeitsarbeit begründen. Die Medien auf Diät setzen, um sie später mit satten Resultaten glücklich zu machen.

Vielleicht wird Ralf Rangnick in seiner neuen Doppelfunktion aber auch das eigene Sportdirektoren-Credo vom  „schnellen, aber auch nachhaltigen Erfolg“ langsam unheimlich.

Schicksalsjahr für Rangnick

Denn Rangnick hat einerseits Recht damit, dass der Aufstieg für RB Leipzig keine Pflicht, ist;  dem Vernehmen nach würde man ein weiteres Jahr zweite Liga finanziell überleben. Die Frage ist aber andererseits, ob für ihn persönlich nicht viel mehr auf dem Spiel steht.

Seine neue Doppelfunktion lässt sich wiederum rational (Lieblingsworthülse vom Brause-Prediger) erklären: Es gibt vier oder fünf Trainer, die dem Anforderungsprofil der global-galaktischen Red Bull-Fußballphilosophie entsprechen. Keiner davon war so richtig frei; beziehungsweise der eine, der frei war, ließ sich gern von vielen umwerben, um sich dann für den Job bei den Publikumslieblingen zu entscheiden. Bevor es nun wieder ein Querkopf wie Zorniger macht, packt Ralle lieber selbst an. Außerdem ja nur als Übergangslösung für ein Jahr. Der Plan sieht wohl so aus, dass Rangnick mit der Mannschaft aufsteigt und sie im nächsten Sommer an einen Kollegen abgibt.

Wenn es nun aber schief geht in diesem Jahr? Wenn aus welchen Gründen auch immer die Ergebnisse über einen längeren Zeitraum nicht stimmen? Entlässt Sportdirektor Ralf dann Trainer Rangnick? Dass RB sich den berühmten branchenüblichen Mechanismen nur bedingt aussetzt, ist bekannt. Dass der Geduldsfaden bei der Brause-Filiale schnell unter Spannung steht aber auch.

Zumindest dürfte Trainer Ralf mit dem Machtanspruch von Sportdirektor Rangnick besser klarkommen als alle anderen denkbaren Lösungen. Gleichzeitig setzt das beide einem höheren Druck aus. Bislang konnte Sportdirektor Rangnick als Gesicht des Red Bull-Fußballprojektes Hans Dampf in allen Gassen spielen: Gegen DFL, DFB und feindlich gesinnte Mitbewerber wettern, eine ertragreichere TV-Vermarktung einfordern und nebenbei immer wieder den Anspruch formulieren, das Auftreten auch fußball-spezifisch zu untermauern: Aggressives Pressing mit schnellem Umschalten, performt von jungen, hungrigen Gesichtern als fußballerisches Spiegelbild des Markenkerns von Red Bull.

Für Trainer ist die Luft bekanntlich dünner: Da muss man sich regelmäßig kleinteiligen und oft vollkommen fachfremd motivierten Fragen stellen. Da braucht man Geduld und ein dickes Fell. Da kann man nicht mit „aber die haben angefangen“ kommen, da zählt schlicht das Ergebnis. Aussagen wie vergangenen Sonntag zur Saisoneröffnung kann Sportdirektor Rangnick vielleicht tätigen, Trainer Rangnick macht sich damit aber lächerlich: Gegenüber Journalisten legte RR nahe, dass ein Hauptgrund für das Verpassen des Aufstiegs die negative Stimmung gegenüber RBL in anderen Stadien gewesen sei. Da können FC Bayern, Cristiano Ronaldo, Andy Möller und Vinnie Jones nur müde abwinken und ihre Trophäensammlung polieren.

Bei RB Leipzig weiß man, dass es ein Schicksalsjahr für Ralf Rangnick wird: Am Tag vor der Saisoneröffnung hat man den Vertrag mit ihm bis 2019 verlängert. Es soll als Vertrauensbeweis verstanden werden.

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