Läuft alles nach (Business)Plan

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Zweites Jahr erste Liga, bald zweistelliger Geburtstag – Geschichte wird gemacht bei RB, und das alles nur mit einer kleinen Anschubfinanzierung. Wir nehmen das zum Anlass, um jenseits der schnöden Zahlen kurz zu resümieren: Wie weit ist der Marketingverein eigentlich gekommen?

Eine (steile) These steht dabei ja im Raum. Vor einigen Wochen erschien in der „11Freunde“ ein Artikel namens „Niemand braucht sich zu wundern“. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass einige RB-Heimspiele in der Europa League nicht ausverkauft waren, woraus der Autor schloss: „Leipzig ist nicht Red Bull“. Vielmehr seien Chemie, Lok und Roter Stern die hier entscheidenden und prägenden Akteure.

Auch wenn der Text aufmerksamkeitsökonomisch schon seinen Wert verloren hat, lohnt es sich, ihn nochmal genauer zur Hand zu nehmen. Erstens, weil dessen Diagnose in der Sache so wohl nicht stimmt. Und zweitens, weil es uns was über das Funktionieren von RB erzählt. Und das wiederum kann interessant sein für alles, was noch so kommt im modernen Fußball.

These Eins: Leipzig ist fußballerisch disparat

Zugegeben: Wir hauen ja auch manchmal was raus, wo eher der Wunsch der Vater des Gedanken ist. Und in den meisten Fällen liegen die 11Freunde ganz richtig, was ihre ausdauernde Kritik an RB betrifft. Bei diesem Artikel jedoch müssen wir wohl leider widersprechen. Denn weder RB, noch ein anderer Verein ist die Stadt. Leipzig ist wie vielleicht keine zweite Stadt in Deutschland von einer ganzen Reihe von ziemlich unterschiedlichen Vereinen geprägt. Und klar, Lok, Chemie, Roter Stern gehören da dazu. Aber, ob es einem nun gefällt oder nicht: Auch RB ist (mittlerweile) Teil dieser Stadt.

Zugleich lassen sich die Vereine nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Allein aus der Zahl der BesucherInnen bei Heimspielen kann kaum auf ihre lokale Verankerung geschlossen werden. Interessant ist vielmehr, auf welche Weisen die Clubs in dieser Stadt agieren und von ihr wahrgenommen werden.

These Zwei: Lok, Chemie und RSL als Milieu- und Stadtteilvereine

Lok, Chemie und der Rote Stern sind, und das ist ein wichtiger Unterschied zu RB, stark milieu- und stadtteilgebundene Vereine.

Lok ist vor allem im Osten der Stadt verwurzelt und zieht ein Publikum an, das – allen Bemühungen des Vereins zum Trotz – zu einem beträchtlichen (und vor allem: sichtbaren) Teil aus politisch rechts stehenden Fans besteht. Der Zuschauerschnitt ist für die vierte Liga beachtlich, und die Vergangenheit hat gezeigt, dass hier bei entsprechenden Highlights noch deutlich Potential vorhanden ist.

Chemie wiederum ist im Westen der Stadt stark. Der Verein kann zum einen (auch) auf alteingesessenes, arbeiterliches Publikum verweisen, ist derzeit zudem äußerst attraktiv bei einer Kundschaft, die zwischen links-alternativ und hipsteresk angesiedelt werden kann. Selbst wenn sich diese Gruppen auf Dauer nicht nach Leutzsch bewegen, bleibt Chemie sicherlich das Stammpublikum erhalten. Und auch hier gehen die Zahlen schnell nochmal nach oben, wenn Derbys oder wie demnächst Finalspiele um den Sachsenpokal anstehen.

Der Rote Stern schließlich hat den Stadtsüden für sich und zudem – in partieller Überschneidung mit Chemie – ein klar links-alternatives Publikum. Sportlicher Erfolg wird hier gern genommen; im Vordergrund steht aber eher die wechselseitige Bestätigung, politisch auf der richtigen Seite zu sein und den Verein als soziokulturellen  Dreh- und Angelpunkt sowie als Angebot und Botschaft nach außen zu stabilisieren.

Alle drei Vereine werden auf absehbare Zeit weiterhin ihr Stammpublikum haben, wenn sie sich nicht mit zu ambitionierten Projekten verheben oder zu große Fehler machen. Dieses Publikum ist dabei verlässlich, mit starken Bindungen und insofern auch nachhaltig. Zugleich jedoch werden alle drei Vereine in ihrer Präsenz und Anhängerschaft begrenzt bleiben. Zu überschaubar ist letztlich der erwartbare sportliche Erfolg, zu stark sind die bisherigen Bindungen an Stadtteile und Milieus. Diese stellen zwar einerseits echte Ressourcen, im Gegenzug aber auch Hürden für massenhaft neues Publikum dar.

These Drei: RB-Publikum potentiell maulig, aber milieu- und stadtteilübergreifend

RB liegt im Grunde quer zu diesen Vereinen. Sein Publikum besteht aus ehemaligen Chemie- und Lok-Anhängern, die – teilweise schon deutlich in die Jahre gekommen – endlich nochmal „richtigen Fußball sehen wollen“ und sich zudem von einer allzu jugendlichen und teilweise auch gewaltaffinen Fanszene abgewendet haben; es besteht aus mittelalten Anhängern, die nie richtig bei Lok, Chemie oder dem Roten Stern einsteigen mochten; und es besteht aus noch jüngeren Leuten, für die RB im Grunde der erste wahrgenommene lokale Verein ist. In allen diesen Gruppen haben wir es (wenigstens) teilweise mit Leuten zu tun, die durchaus als Stammpublikum bezeichnet werden können, die also nicht unbedingt sofort alle wegbleiben, wenn es zum Rumdümpeln im Mittelfeld der Bundesliga käme.

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Dazu kommt natürlich ein Publikumssegment, das aus der Wahrnehmung des 11Freunde-Artikels den Hauptbestand der Zuschauer bildet: das Laufpublikum. Und sicherlich sind diese Leute nicht zu übersehen, für die der Stadionbesuch ein Event wie Classic Open oder der Weihnachtsmarkt ist. Ohne nähere Kenntnis von Kontext und Details des Spieles, dafür aber mit sicherem Wissen vom (erhofften) Unterhaltungswert des besichtigten Vereins. Eine solche Klientel wird auch extra rangeholt und rangezogen. RB ist ja mittlerweile zu einer Art Alltags-Trophäe geworden; zwei Stadionkarten als Hauptgewinn in jeder Lotterie, bei der die Organisatoren Nachdenken oder Risiko vermeiden wollen. RB passt zu allen, zur lokalen Supermarkt-Genossenschaft wie zur Krankenkasse.

Insgesamt ergibt das eine ziemlich heterogene und flatulente Klientel. Mehrheitlich ist diese sicherlich nicht bereit, dem Projekt bedingungslos und unabhängig vom sportlichen Erfolg zu folgen. Doch zugleich begeht man vermutlich einen Fehler, wenn man das RB-Publikum in Gänze als nur kurzfristig interessiert einschätzt.

Das liegt an einer ganzen Reihe von Faktoren: In der Stadt gibt es nach wie vor ein großes Interesse an (erfolgreichem) Fußball, das die anderen Vereine nur bedingt erfüllen. RB ist da für viele der aufstrebende Saubermann, der es dem Westen endlich mal zeigt. Demokratische Vereinsstrukturen sind den Meisten ohnehin egal, die Finanzierung und damit der eigentliche Zweck des Projektes ebenso. Zudem startete das Projekt RB zu einem Zeitpunkt, zu dem der Fußball ohnehin schon enorm ökonomisiert stattfindet. Für viele sind da die Unterschiede zwischen den einzelnen Vereinen marginal, „Geld haben die anderen doch auch“. Hinzu kommt die starke praktische und symbolische Unterstützung durch die lokalen Eliten, die dem Verein den roten Teppich ausrollen, es sich nicht mit seiner Anhängerschaft verderben und sich zudem selbst von der Sonne des Erfolgs die Büroblässe vertreiben lassen wollen. Nicht zuletzt ist RB stark im Nachwuchsbereich tätig und dort meist erste Adresse für die local kids. Auch das ist wenig verwunderlich; es war schon immer schwer zu vermitteln, warum man als Kind von einem Verein in der 4. Liga Fan sein soll und nicht von einem, der international spielt.

Schließlich, und das kommt zum eingangs erwähnten Artikel zurück: Die Zeiten, als RB noch Karten auf den Schulhöfen verschenkte, sind vorbei. Diese Stufe im Businessplan ist längst genommen. Die Karten kosten hartes Geld, und gerade bei internationalen Spielen nicht zu wenig. Man macht sich hier falsche Hoffnungen, wenn man die geringeren Zuschauerzahlen in Spielen gegen St. Petersburg oder Marseille als Anzeichen des beginnenden Niedergang des Projektes nimmt. Vielmehr sehen wir den Grund für das Wegbleiben an anderer Stelle: Der ganze Hype um Leipzig („The better Berlin“) hat viele Probleme zur Folge, und eines davon ist die Überschätzung der ökonomischen Kapazitäten dieser Stadt und seiner Einwohner. Deshalb geht es eigentlich auch ein bisschen gegen die eigenen Prinzipien, wenn man vom Publikum verlangt, für jedes Spiel jeden Eintrittspreis zu zahlen.

Daneben muss erwähnt sein, dass das RB-Einzugsgebiet weiter reicht, als man sich vorstellt. An Bundesligaspieltagen sieht man eine Vielzahl von Nummerschildern aus den umliegenden Bundesländern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Diese weitreichende Strahlkraft hat natürlich auch eine Rückseite. An einem Mittwochabend, 21 Uhr ein Europapokalabend mitzumachen, wenn man am nächsten Tag auf Arbeit muss, ist für Hallenser vielleicht noch drin. Zuschauer aus Gera, Jena, Magdeburg und Dessau winken da aber eher ab.

Foto: PercyGermany on flickr // CC BY-NC-ND 2.0

Fazit

Gern schreiben wir all das auch nicht auf, aber es nützt ja nix. RB ist in der Stadt relevanter, als es die Perspektive von außen oder Wunschdenken von innen nahelegen mag. Das ist weitgehend akzeptierte Realität in Leipzig, aber auch keine gute Nachricht für andere Städte oder Regionen. Denn die Moral muss wohl heißen: Auch Kunstvereine können es schaffen. Hoffenheim war der erste Test, Leipzig bietet ein weiteres Modell. Die launige Bemerkung von Hofberichterstatter Guido Schäfer, er wäre auch zu Nivea Leipzig gegangen, Hauptsache es gibt Bundesliga, sollte man nicht zu leicht abtun. Vielleicht überwirft sich Rangnick eines Tages mit dem Gebieter, heuert Jogi Löw an und findet, auch Thüringen habe einen Bundesligisten verdient. Und irgendwie wäre es ja auch verwunderlich, wenn bei all den irren Veränderungen im Fußball eines gleich bleiben würde: die mitspielenden Vereine. ‚Nivea Erfurt‘ incoming.

 

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