Schön übersichtlich

In der aktuellen Ausgabe der 11Freunde interviewte Chefredakteur Philipp Köster einen seiner Lieblingsantipoden, „Ralle“ Rangnick, seines Zeichens Reizfigur, Visionär, Manager und nicht zuletzt Trainer der menschlichen Millionenanlage RB Leipzig. Das nahm wiederum das DeutschlandRadio zum Anlass, um der Sache mit RB und dem „Geld im Fussball“ noch einmal nachzusteigen. Der Beitrag lief am vergangenen Sonntag sowohl auf Deutschlandfunk als auch bei DRadio und lässt sich hier nachhören und -lesen.

Im Beitrag ist von DER Fußballkultur bis zur bekannten Regressiver-Antikapitalismus-Keule wahrscheinlich alles versammelt, was jemals als Pro und Contra in Bezug auf RB Leipzig geäußert wurde. Da wir spätestens seit unserer aufputschenden Brause-Sause mit mindestens dem gleichen Sendungsbewusstsein wie der Gebieter ausgestattet sind, war uns das Grund genug, noch einmal zu schauen, welche Birnen hier eigentlich mit welchen Äpfeln abgewogen werden sollen.

(Sprechende) Protagonisten sind der erwähnte Köster (@philippkoester) und Alex Feuerherd (@lizaswelt), deren Standpunkte schon zum Einstieg als „extrem unterschiedlich“ eingeführt werden. Wie sich im Verlauf des Beitrags zeigt, ist damit gemeint, dass Köster als Heulsuse fungieren soll, dem der bedachte Feuerherd mal die aktuelle geldregierte Welt erklärt, wie sie nun mal sei. „Die Romantiker und die Realisten“ fasst Redakteur Herkel zusammen und klar ist auch: „’11 Freunde‘-Chef Köster zählt zweifellos zu den Romantikern“.

Die Romantiker gegen den Rest der Welt?

Diffuse Unterscheidungen und Zuweisungen – auf diesem Stammtischniveau bleibt die Diskussion dann auch die ganze Zeit. Ob das den beiden Interviewpartnern bewusst war, sei mal dahin gestellt. Jedenfalls werden die Stimmen so inszeniert und moderiert, dass es auf eine Art Kulturkampf hinausläuft, der von Seiten der Romantiker entfacht wird. Den „Traditionalisten“ gelte „der RBL schlicht als künstliche Schöpfung, als Plastikklub. Vor allem als Konstrukt, mit dem dank massiver Investitionen eines branchenfremden Kapitalgebers den Traditionsmannschaften künftig das Leben noch schwerer gemacht werden könnte.“

Dem folgen affirmativ-resignierende Einspieler von Feuerherd, der die nüchterne Eminenz mimt: „Die Totalität der kapitalistischen Vergesellschaftung, in der wir nun mal leben, hat den Fußball längst eingeschlossen, und deswegen gibt es eben keinen Unterschied mehr im Grundsatz zwischen RB Leipzig, also einem Verein, der zur Gewinnmehrung eines Unternehmens ins Leben gerufen worden ist und einer Kapitalgesellschaft, die den Fußball als Ware verkauft.“  Ein recht simpler Blick auf die Gesellschaft und das eigene Leben. Dass man auch in einer auf Konsum geeichten Gesellschaft Wahlmöglichkeiten hat und vielleicht doch nicht alles egal ist, taucht darin als Möglichkeit überhaupt nicht auf. Man tappt so oder so in die Falle des Kapitalismus – wie kreativ!
Stattdessen wird „Traditionalist“ Köster zwar zuerkannt, dass er nicht nur „aus dem Bauch“ reagiere wie ein in die Enge getriebenes Tier, sondern durchaus Argumente habe. Dass diese Argumente sich nicht nur auf ein „Früher war alles besser“ zusammen dampfen lassen, geht in der folgenden Darstellung dann allerdings doch wieder unter. Der Hinweise, dass RB sich an gängigen Regularien vorbei drücke und dennoch für sich selbst immer Fair-Play einfordere, verhallt einfach – stattdessen wird von Dornen in den Augen der im Hintergrund johlenden „Traditionalisten“ und „Ressentiments der Fans“ berichtet und so wieder ein Bild des aufgebrachten Wutbürgers entworfen. Denn nur so einer könne ja gegen RB sein.
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Bild: Dietmar Sittek, union2, flickr, CC BY–SA 2.0
Lieber kurz als kompliziert
Dieser Eindruck wird auch durch „Ihr macht unseren Sport kaputt“ erzeugt.  Im Beitrag als gesungene Fanäußerung auf Seiten der „Romantiker“ eingespielt, ist das ein gnadenlos verkürzender Slogan. Er muss allerdings auch nicht gleich als blinde Sehnsucht nach einer längst vergangenen Zeit der „ehrlichen Malocher“ und billigen Eintrittskarten verstanden werden – wenn man sich bemüht,  ein bisschen zwischen der einen Zeile zu hören. Natürlich zerstört RB Leipzig nicht die sportlichen Grundlagen oder gar den Fußball. Vielmehr ist zu erwarten, dass der Fußball, der (demnächst) im Zentralstadion gespielt wird, einen qualitativ hochwertigen Beitrag zur Entwicklung des Fußballsports liefert.
Gemeint sein könnte ja aber auch eine Kritik an der fraglosen Akzeptanz des machtgebärdenden Auftritts von RB. „Ihr unterwandert gezielt, mit strategischem Auge und unter Einsatz schier unendlicher finanzieller Mittel eine gewachsene Vereinslandschaft, deren Popularisierung und kommerzielle Reifung ihr beobachtet habt, um euch dann dafür zu entscheiden, unter dem Deckmantel des ‚Sports‘ daran mitzuverdienen“, lässt sich halt nur schlecht singen.
Die Unterscheidung zwischen Romantikern und Realos sieht solche Feinheiten natürlich nicht oder kehrt sie unter den Tisch. Mit nur zwei Meinungen ist die Welt ja auch viel einfacher. Und so schön übersichtlich.

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