In aller Brieffreundschaft

Sehr geehrter Herr Niersbach,

wieder erreicht Sie ein Brief aus Leipzig, aber keine Angst: Diesmal wird es nicht so rührselig wie beim letzten Mal. Da schrieb Ihnen Michael Czupalla, CDU-Landrat von Nordsachsen, und beklagte sich bitterlich. Über all jene, die das neue Ruhmesblatt unserer Pleißemetropole, den herrlichen Sportverein Rasenballsport Leipzig, so schmählich durch den Dreck ziehen. Schlimme Sachen würden da gesungen und überhaupt, alle seien dagegen, und der DFB-Präsident Niersbach solle doch mal was tun.

Czupallas Plan sah zwei Punkte vor. Erstens sollte Niersbach endlich mal durchregieren und nordkoreanische Verhältnisse herstellen: „Ich möchte, dass er Stellung bezieht und der ewigen Diskussion ein Ende bereitet!” Doch keine Peitsche ohne Zuckerbrot. Dieses verfütterte Czupalla an den Gebieter: “Dietrich Mateschitz müsste jeden Tag der rote Teppich ausgerollt werden”, scharwenzelte der Landrat. Beim Gedanken an sein neues Idol redete er sich regelrecht in Wallung: “Schließlich bildet Herr Mateschitz mit RB Leipzig nicht nur junge Menschen aus, es wird auch vermittelt, was Disziplin ist, wie man sich verhält, was wichtige Werte sind.” RB als Jugendwerkhof, nur mit mehr Sport?

Doch damit nicht genug. Am Ende wusste man nicht mehr, ob von RB, Frau von der Leyen oder Jesus die Rede war, als Czupalla anregte, über „Strukturen nachzudenken und einen gewissen Schutz für Leute einzubauen, die ihr Geld in Vereine stecken. Das muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber der DFB müsste eigentlich dankbar sein, dass jemand Strukturen schafft, sich sozial engagiert, um Familien und Jugendliche kümmert.“

Keine Hoffnung ohne Händedruck

Da schon Czupalla selbst nicht von Weisheit reden wollte, ignorierten Sie, Herr Niersbach, auch seine Einladung zum Gespräch. Aber immerhin, Sie antworteten. Ihrem Schreiben können wir entnehmen, dass Sie sich Czupallas „Meinung nur anschließen“ können. Die Entwicklung von RB sei „für den Fußball in dieser Stadt (…) positiv zu bewerten“. Das kann man mit viel gutem Willen noch halbwegs reserviert nennen. Danach aber kommen Sie wieder mit der alten Leier von den Traditionsvereinen, die ihre Chance hatten und sich nun nicht beschweren dürften. Beleg für ihr Argument wird eine Episode von 2003, als sich „die Verantwortlichen von Lokomotive Leipzig und Chemie Leipzig“ nicht einmal die Hand gaben.

Das alles, lieber Herr Niersbach, ist leider ziemlicher Unsinn. Genauer können Sie es natürlich nicht wissen, denn nur einem gewissen Guido Schäfer sind Sie als „Kenner der speziellen Leipziger Fußball-Landschaft” bekannt. Wären Sie das wirklich, hätten Sie Ihre Zeit sinnvoller verwendet als mit einem Antwortschreiben an Sportfreund Czupalla.

Damit meinen wir gar nicht unbedingt ihr Unverständnis für einen ausbleibenden Händedruck. Klar, wer schon Joseph Blatter die Hand gab, für den kann es in solchen Fällen keine Skrupel geben.

Lokalnullfürst Czupalla

Nein, wir denken vor allem an Herrn Czupalla selbst. Der war von 1994 bis 1998 Präsident des VfB Leipzig und damit eines sogenannten Traditionsvereins. In einem Interview fällt Czupalla dazu nur ein: „Ich war mit sehr viel Engagement Mitte der 90er Jahre beim VfB Leipzig aktiv, da waren die Stadien noch in so einem maroden Zustand, dass die Spieler in den Westen gegangen sind.“

Nun, so kann man das sehen. Am maroden Stadion lag es sicherlich auch, dass der Verein nach vier Jahren Czupalla-Präsidentschaft pleite war und in die Regionalliga abstieg. Am Ende hatte der VfB fast neun Millionen D-Mark Schulden und Czupalla wurde die Entlastung als Präsident verweigert. Sicherlich nur Pech hatte Czupalla auch mit seiner Amtszeit im Aufsichtsrat der Sächsischen Landesbank. Dort saß er von 2006 bis 2007 – justament die Zeit ihrer größten Krise, an deren Ende sie verkauft wurde. Ein echter Experte also, ein Freund des Fußballs durch und durch, ein Ihnen würdiger Brieffreund.

(Auf Geschichten wie diese hier wollen gar nicht weiter eingehen.)

Aber mal von Czupalla abgesehen: Die Beschwerden, von denen Sie nebulös schreiben, kommen ja gar nicht (vorrangig) von Leipziger Traditionsvereinen, sondern (auch) von Leuten wie uns. Denen RB einfach ganz grundsätzlich und aus bekannten Gründen gegen den Strich geht. Die nichts gegen untraditionelle Vereine haben, wohl aber was gegen PR-Maschinen wie Red Bull, in denen Czupalla aber nur das Ideal eines Sozialarbeiters sieht.

Logische Folge

Das ist ja das (eigentliche) Elend an RB: Es bringt nicht unbedingt das Beste in den Leuten hier hervor. Die einen verschreiben sich mit Haut und Haaren einem feuchten PR-Traum, als gehe es um sie selbst; die anderen baden sich in ostdeutsch genannten Befindlichkeiten und denken allen Ernstes, die Sache mit RB habe was mit Ost oder West zu tun.

Völlig im Rausch ist ja bekanntlich die lokale Presse, die Ihre Antwort zum erneuten Anlass nimmt, um sich öffentlich auszuheulen („Czupalla leidet mit, wenn die Roten Bullen durchs Dorf getrieben werden. Und das werden sie.”). Abgesehen davon, dass wir den Autor deutlich abgehärteter gegenüber jeder Form von Kritik in Erinnerung haben, greift er hier auf abenteuerliche Weise in die Metaphern-Kiste: “Der DFB-Chef begrüßt das Erwachen eines schlafenden Riesen”.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr, und ist mit ein bisschen Musik und schwarzen Müllsäcken in Auswärtsstadien eigentlich ganz gut bedient. Selbst den innigsten Freunden des neuen Leipziger Fußballs wird das zu viel: “Was für ein unseliger und überflüssiger Briefverkehr.”

Aber vielleicht bekommt man das Eine nicht ohne das Andere. Die distanzlose Euphorie einer „wunderbaren Region“ (Niersbach) nicht ohne Karikaturen von Lokalpolitikern, die sich ungefragt verantwortlich fühlen und jämmerliche Schreiben nach Frankfurt schicken. Und den Posten eines DFB-Präsidenten nicht ohne Händedruck mit jedermann und joviale Antwortschreiben.

Da sind wir schließlich wieder ganz bei Ihnen, Herr Niersbach, und sehen – leider – „keine Möglichkeit zum Einschreiten“.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Zwangsbeglückten.

3 Gedanken zu „In aller Brieffreundschaft“

  1. vielen dank für euren offenen brief – über die zarte bande zwischen leipzig und frankfurt – ich schmachte derweil in andacht dahin – F 😀

  2. „Frühe hätte man solche Leute sofort … aber sowas darf man ja heute nicht mehr sagen“ – diesen Satz hatte der Kollege Czupalla noch in seinem Meinungen-verbieten-wollenden Briefchen vergessen. Das 89er Gedöns ist schließlich inzwischen 25 Jahre her. Da können die Zügel mal wieder etwas fester angezogen werden. An manchen Tagen ist es schwer, ruhig zu bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.