Genervt

Achtung: Das ist einer dieser Innenlebenposts, bei denen der Autor sich ausschließlich in seinen Gefühlen zergeht.

Ich bin schwer genervt. Davon, mich erklären zu müssen. Von dem ganzen Mist, den man dieser Tage so über RB lesen muss. Von der Selbstverständlichkeit, mit der Begriffe überstrapaziert und schwarz-weiß gemalt werden. Und vor allem davon, dass ich mich davon so nerven lasse.

Bis vor wenigen Wochen lebte ich in einer angenehmen Distanz zu RB. Ich besuchte an Spieltagen hin und wieder den Gästeblock und hab auch auf der Haupttribüne mal geschaut, wer sich da so rumtreibt. Mit den Orten, wo ich mir sonst meine Fußballerlebnisse hole – vor Ort unterklassig oder international am TV – hat das Projekt nicht konkurriert.

Auch musste ich mich nicht unbedingt dazu verhalten. Das Blog hier ist ja vor allem ein Auseinandersetzen mit denen, die sich damit auseinandersetzen. Die Trainingsarbeit von AZ und das zerknitterte Gesicht von RR sind weder Gegenstand meiner Kritik, noch Pol meines täglichen Interesses.

Mit dem Aufstieg in die zweite Liga hat sich allerdings einiges deutlich verschärft. Zum einen muss ich mich nun gegenüber Bekannten oder Kollegen erklären, wenn ich auf ein Freude strahlendes „Geil, RB, oder??!!!“ schulterzuckend entgegne: „Sorry, kann ich nichts mit anfangen. Nicht mein Verein.“ Während jeder normale Fußballfan das verstehen würde, und man sich fortan höchstens gegenseitig nach Spieltagen aufzieht, muss man sich in Leipzig dafür erklären. Man müsse doch verstehen, dass die es jetzt endlich besser machen. Dass das eine Chance sei, die andere zuvor längst vergeben haben. Überall anders sei es doch schließlich ebenso kommerziell. Außerdem sei das doch der bessere Fußball, wo man auch mit der Familie hingehen könne.

Nein, ich muss das nicht gut finden! Ganz grundlegend habe ich ein ernstes Problem damit, wenn ich irgendetwas müssen soll. Und es macht mir das Projekt auch nicht sympathischer, dass früher viel gestümpert wurde. Mehr Geld zu haben und sich damit kontinuierlich in den Profifußball zu arbeiten, ist nicht verboten – aber doch nichts, was irgendjemandem Sympathie abnötigt. Und nein, Fansein ist in meinen Augen nicht untrennbar an Gewinnen gekoppelt, sondern an Leidenschaft. Fragt mal in Nürnberg, oder in Magdeburg oder in Essen. Oder in Southampton.

Wieso habt ihr es eigentlich nötig, euch ständig unter Abgrenzung von anderen zu definieren? Merkt ihr, wie arrogant es ist, wenn ihr behauptet, man könne mit seinen Kindern nicht zu Lok oder Chemie gehen? Ihr wart ja offenbar nicht mal da. Dieser selbstgefällige Opportunismus geht mir tierisch auf die Ketten.

Und nein, ihr wart am Sonntag nicht der Underdog oder habt gar eine „Pokalsensation“ vollbracht. Paderborn, das noch kein einziges Spiel in der ersten Liga gespielt hat, wurde zwar konsequent als Erstligist bezeichnet – genauso wie ihr als „Ostklub“ – aber das ändert nichts an den Realitäten: Paderborn hat im Sommer 1,6 Millionen Euro ausgegeben, RB 11,6 Millionen. Wer ist da der Underdog?

Ihr könnt von mir aus lange über VW in Wolfsburg oder Bayer in Leverkusen diskutieren – es bleibt dabei: Diese Vereine wurden nicht gegründet, um eine Brause zu bewerben. Und euer Lieblingsargument in diesem Zusammenhang, dass das in 500 Jahren genauso Tradition sei – klar wäre es. Wenn ihr so lange durchhaltet. Wenn euch der Gebieter nicht den Stecker zieht oder sich das Sportmarketingkonzept seiner Firma verändert. Wenn ihr jedes verdammte Wochenende hingegangen seid. Wenn ihr gelitten habt. Wenn ihr Epen produziert habt. Wenn ihr auch als Underdog mal was gewonnen habt. Und wenn es euch nicht nur darum geht, Erfolgsgeschichte an Erfolgsgeschichte zu reihen. Das ist Identität. Nicht ausgedruckte Klatschpappenchoreo vom Konzern. Sorry, bei Identität gibt es kein Überspringen. Weder mit Geld, noch mit Erlösergeste. Das muss man sich schon erarbeiten.

10 Gedanken zu „Genervt“

  1. Auch wenn der derzeitige Pro & Contra Medienhype scheinbar dagegen spricht: Niemand muss sich zu RB verhalten oder „das Projekt“ gar sympathisch finden. Aber Du/Ihr habt diesen Blog ja nicht gestartet, um Euch nicht zu verhalten. Insofern ist dieser Teil des Klageliedes etwas schizophren.

    Ich persönlich definiere mein Fan-sein (sic!) sicher nicht über Abgrenzung und sehe das auch bei RB-Fans mit einer anderen Vorgeschichte (Lok, Chemie) eher nicht so. Das Thema ist für die meisten längst abgehakt. Wenn allerdings in schöner Regelmäßigkeit die Gästefans lieber „Scheiß Red Bull“ brüllen als ihr eigenes Team zu supporten, kann man schon mal die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis stellen.

    Ich habe auch von niemanden mit etwas Fußballverstand vernommen, das RB am Sonntag ein Underdog war, wie z.B. der FCM gegen Augsburg oder Dynamo gegen Schalke. Allerdings standen von den 11 Millionen Transfersumme auch nur 2 Mio. (?) in Gestalt von Khedira auf dem Platz, der Rest war das bekannte Drittligateam. Aber das ist schon wieder zu komplex für einen echten Rant, nehme ich an.

    Leverkusen wurde in der Tat nicht gegründet, um Brause zu bewerben, sondern als Turn- und Spielverein 1904 der Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer Co. Leverkusen. Eine Betriebssportgemeinschaft oder Werkself eben. Welcher große Unterschied 110 Jahre später zu RB noch besteht, vermag ich nicht zu erkennen. Ob es in 500 Jahren noch Fußball in der heutigen Form gibt, ob Didi oder seine Erben vorher bei RB den Stecker ziehen. Keine Ahnung. Interessiert für mich mein jetziges Fan-Dasein, das sicher keine lückenlose Aneinanderreihung von Erfolgsgeschichten ist, auch herzlich wenig.

    1. Moin & Willkommen & Danke für den Comment!

      Wie neulich schon ein Freund schrieb: Ein bisschen „Schizophrenie“ hat bisher noch immer vor Schaden bewahrt. Ja, Du hast Recht, wir haben das hier angefangen, um uns zu verhalten.

      Die Klage bezieht sich auf das aktuell doch veränderte Wie – Und da kann man die, die RB, schon seit Jahren die Dose halten ruhig herausnehmen. Es sind eher die neu erwachsenen – ich nenn sie jetzt mal so – Erfolgs- und Eventfans, die schön 2. Liga gucken wollen. Egal wer das bezahlt. Und denen gegenüber muss man sich tatsächlich anders rechtfertigen, wenn man das so nicht teilen kann. Ich nehme mal an: Die haben eigentlich ein schlechtes Gewissen und fangen deswegen an zu diksutieren 😉

      Zu „Scheiß Red Bull“ – Also die Anhängerschaft musst Du mir mal zeigen, die im Spiel nicht auch an- und abwesende Mannschaften mit Chants bedenkt. Das gehört doch zum Fansein (Innen-Außen-Grenzen ziehen) dazu. Seid ihr nicht auch gegen MONSTER oder das Zeug in den kleinen Dosen, an der Tankstelle, das vier Stunden lang wirkt?

      Zu „11 Millionen“ – Ist für mein Argument relativ egal, ob die 11 Mille auf dem Platz standen oder gerade an die Schwester-Bullen verliehen sind. Allein dass man es angstfrei investieren kann, zeigt doch, dass sich die Trajektorien von Paderborn und RB hier zum letzten Mal unter diesen Vorzeichen gekreuzt haben.

      Zu „Werkself“ – Willst Du implizieren, RB wäre der moderne Wiedergänger von Betriebssportgemeinschaften? Ich glaube nicht, oder? Weil das würde nicht mal mehr hinken, das fiele einfach stumm um.

      1. Ich fang mal hinten an. Nein, ich sehe RB nicht als Werkself. Aber was würde sich faktisch ändern, wenn Red Bull eine Abfüllanlage in Leipzig hochzieht? Für Befürworter wie Gegner gar nichts und an der sportlichen wie finanziellen Praxis auch nicht. Insofern sehe ich keinen (nicht ideologischen) Unterschied zwischen RB Leverkusen, Hoffenheim usw. ´

        Natürlich lassen sich die finanziellen Möglichkeiten von RB und Paderborn nicht vergleichen, aber die 11 Millionen standen nun mal nicht auf dem Platz, wodurch der Teil Deines Textes nicht einer gewissen Polemik entbehrt. Im Übrigen zeigt doch grade das Beispiel Paderborn, dass gute & langfristige Arbeit auch mit relativ überschaubaren Mitteln zum Erfolg führen kann. (Das hat natürlich eine Grenze, in die CL kommt man so nicht.)

        Jede Selbstdefinition bedarf der Abgrenzung zu dem Anderen der ich eben nicht bin. Davon bin ich auch überzeugt. Und im Fußball-Stadion nochmal mehr als in anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Aber das als explizierten Vorwurf an die RB-Fans zu richten ist albern, wie Du ja grade selbst belegst. („Das gehört doch zum Fansein..“)

        Zu den Eventfans: ich könnte es mir einfach machen und sagen, dass ich schon seit 2011 zu RB gehe (für Oberliga-Besucher bin ich damit wohl auch ein Eventi. ^^) Aber ich persönlich sehe mich nicht in der moralischen Position darüber zu richten, warum jemand zum Fußball geht und ob seine Motivation und sein Verhalten ausreichen, um ein „wahrer Fan“ zu sein. Wenn jemand „schön 2. Liga gucken will“, dann soll er das tun, egal ob bei RB oder in Sandhausen.

        P.S. Klatschpappen haben es zum Glück und im Gegensatz zu Salzburg noch nicht massenhaft in die RB-Arena geschafft. Das wäre ein echter Grund, um über mein Fans-sein nachzudenken. ^^

        1. Ok, das mit dem hypothetischen Beispiel verstehe ich leider nicht. Heißt es in etwa: Wenn Red Bull hier eine Fabrik hätte, wäre der Krawall nicht so groß? Dem würde ich zustimmen. Dann wäre es wie SAP in Mannheim (mit den Rhein Neckar Löwen, etc.). Dennoch bleibt der Unterschied für mich da bestehen: Die einen sponsorn bestehende Vereine, um Werbung für sich zu machen. Die anderen, aus Fuschl, setzen da doch deutlich einen drauf, indem sie einen Ort scouten, der ihnen die idealen Möglichkeiten bietet, ein Fußballprojekt hochzuziehen, dass ihre Brause promotet.

          Bei der Selbstdefinition und den Abgrenzungen geht es mir auch um das Wie – Normalerweise müssten sich RB-Fans mit #EchterLiebe und #MiaSanMia auseinandersetzen, anstatt lokale Fußballprojekte kleinzumachen. ABER das bezieht sich auf Gespräche, die ich dieser Tage so geführt habe. Nicht auf Dich, nicht auf den Rotebrauseblogger oder die Ackerhummel.

  2. Ja, bei Red Bull machen sie vieles konsequenter, zielstrebiger als andere Player. Aber sie machen im Grundsatz nichts anderes. Deshalb ist für mich die Kritik an RB sehr viel (bewußte oder unbewußte) Kritik an den Phänomenen des globalisierten Kapitalismus, der vor keinem Bereich der Gesellschaft und des sozialen Miteinanders halt macht und alles seiner Marktlogik unterwirft. Und in dieser Logik ist es völlig egal, wo das Werk oder das Stadion steht.

    Diese Stellvertreter-Kritik hat nur zwei Schwachpunkte:
    1. Die oft mitschwingende, romantische Vorstellung eines vormodernen Paradieses ist Quatsch. Den „edlen Wilden“ gab es auch im Fußball so nie.
    2. Durch die Zuspitzung auf einen Konzern, ja eine Person (Didi) läuft sie Gefahr, auf eine gefährliche Bahn zu geraten. Schon oft in der Geschichte endete die Kritik der Moderne in sehr verschwörungstheoretischen, inhumanen Sündenbock-Konstrukten.

    1. Ich denke, dass genau diese Vorwürfe hier nicht bedient werden.

      Und Diddi: In eine Opferrolle würde ich ihn jetzt nicht drängen wollen. Gefiele ihm selbst sicherlich auch nicht. Da ist er nicht so weinerlich wie der Sohn einer liebenswerten Frau.

  3. „…Die anderen, aus Fuschl, setzen da doch deutlich einen drauf,…“ Das ist doch genau der strittige Punkt. Keiner der RB-Gegner (so nenne ich sie jetzt einmal) kann mir genau und eindeutig erklären, wo genau Red Bull noch „einen daraufsetzt“, „schlimmer als die ANDEREN“ ist oder eben den Sport kaputt macht! Da Du ja auch den Terminus verwendest, kannst Du sicher erklären, was hier daraufgesetzt wird?

    Grundsätzlich sind wir uns sicher einig: Red Bull sponsert RB Leipzig nicht aus Nächstenliebe oder will den Sport retten oder D. Mateschitz ist ein großer Fußballfan. Ganz im Gegenteil, er ist Motorsportfanatiker. Nein, Red Bull möchte über die Bekanntheit der Mannschaft sein Produkt bewerben.
    Grundsätzlich können wir aber auch feststellen, dass alle Sponsoren (bis auf Herrn Hopp) auch Ihr Produkt promoten möchten! Das es im Profisport nicht ohne Sponsoren geht, sind wir uns auch einig.

    Der Unterschied hier nun ist, bei Rasenballsport hat Red Bull das Sagen. Und das soll das Schlimmere sein? Das Prinzip ist hier eben nicht: Hier habt Ihr einen Haufen Geld und macht damit was Ihr wollt oder eben: Ihr seid bekannt und erfolgreich, also geben wir Euch das Geld. Hier möchte man mit dem Geld den effektiven sportlichen Erfolg, es soll nicht verbrannt werden.Red Bull bestimmt selber, was man damit im Fußball geschieht.
    Der Sponsor bestimmt, was mit seinem Geld geschieht. Das ist noch einer drauf? Das ist Schlimmer als…? Was genau ist dabei das Schlimmere?

    1. Red Bull setzt insofern einen drauf, als dass sie zu Werbezwecken eigens einen Club gegründet haben. Und ihn haarscharf entlang der Grenzen der Regularien so führen, dass auch bloß nicht der Verdacht aufkommt, es handele sich hier um einen Fußball-Verein. Auch der Umgang mit den sich formierenden Fangruppen vor 3 und 2 Jahren (montags Vorsingen beim Vorstand, wenn Chants nicht genehm waren) zeigt das.

      Ich denke, wenn man die Marketingleiter fragen würde, ob sie den Eindruch haben, dass sie auf Sponsoring noch eines drauf setzen, indem sie ein eigenes Sportprodukt herstellen, würden diese – stolz! – sagen: Ja!

      (Dafür stehen ja auch das F1-Engagement, Wing Suite-Fliegen, mit Schlittschuhen ne Bahn runterfahren, etc.)

  4. Wenn ich das immer so lese: „Red Bull sponsert RB Leipzig“ – Das ist doch vollkommener Quatsch. Diese Firma hat sich das Brause-Marketing-Kind ausgedacht und selbst gebastelt. Sponsoring (Untestützung einer bestehenden Organisation um damit eigene Marketingziele zu erreichen) ist das eindeutig nicht! Der ganze Laden besteht ja nur als weitere Fußball-Außenstelle innerhalb des konzerninternen Marketing-Vehikels „Sport“. Wenn Schach die Sportart Nummer eins wäre, würde eben Schach gespielt werden. Daher geht es eben NICHT um Fußball. Der ist nur rein zufällig das Mittel zum Zweck.

    Es heißt ja auch nur „RasenBallsport“, weil es laut deutscher Regularien (aktuell) so heißen muss. Selbst nennt man das Kind ausschließlich „RB“ und hat sich obendrein „Rote Bullen“ ausgedacht. Was ebenfalls kein klassischer „Kampfname“ ist. DIe Kieler Störche gibt es tatsächlich, aber die berühmten Bullen, die in der Leipziger Tieflandsbucht grasen, eben nicht. Auch an dieser Stelle sind vor allem die lokalen Medien dankbar für den Input und verwenden eben diese falsche Bezeichnung. Korrekterweise sind es eigentlich die Rasenballsportler.

    Was rege ich mich auf, mir müsste das alles noch viel egaler sein … Aber dieser „Lärm“ um mich rum wird immer lauter. Deshalb Danke an diesen Blog! Ich hatte schon die Befürchtung, andere Meinungen sind generell verboten bzw. automatisch „Gewalt, Hass und ewiggestrig“.

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