Anachronismen

Es ist einiges los dieser Tage in Sachen RB. Bundesweite Aktionen, die nicht nur Staub aufwirbeln, sondern auch Beißreflexe sichtbar machen. Auf der Contra-RB-Seite ist da viel bereits Bekanntes und oft Unreflektiertes zu finden. Davon nehmen wir uns hier ja generös aus, deswegen trifft es uns auch nicht, wenn unreflektierter Kritik ihre Unreflektiertheit vorgeworfen wird.

So wie das zum Beispiel vergangene Woche in der FAS geschah. Dort wurde in durchaus zugespitzter Sprache mal richtig einer ausgeteilt, gegen die vermeintlichen Romantiker unter den RB-Kritikern:

Platte Parolen und dumpfes Traditions-Gehabe.

Zeitung ist ja dazu da, Positionen nicht nur darzustellen, sondern durchaus auch einzunehmen. Nur muss besonders unter dem Fahrplan „Da gibt es Besserwisser, aber wir wissen es besser“ sehr bedacht sein, welche Argumente und Fürsprecher man sich so auf die eigene Seite zieht.

Im Falle des FAS-Artikels ist das einmal der Sportphilosoph und -soziologe Gunter Gebauer, von dem zwei Zitate angeführt werden. Eines dient als einordnende Übersicht zu Fußballfans und Tradition und ein zweites als lakonischer Ausstieg aus dem Artikel:

„Es hat doch eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet von der Hauptstadt des ehemals sozialistischen DDR-Sports nun der reinste Fußball-Kapitalismus ausgeht.“

Spätestens bei dieser historischen Klammer – die durchaus etwas für sich hat – hätte Autor Michael Ashelm aber noch einmal über seine Pappenheimer schauen sollen. Wenige Zeilen zuvor führt er nämlich NOFV-Vorstand Rainer Milkoreit an, der selbst einiges an historischem Erbe mitbringt:

Für den Chef des Nordostdeutschen Fußballverbandes, Rainer Milkoreit, sind die Anfeindungen gegen den Leipziger Klub „völlig unverständlich“. Man solle froh sein, dass Red Bull die Stadt Leipzig als Standort für sein Fußballprojekt ausgesucht hat. „Sie hätten ja auch woanders hingehen können, dann wäre der Osten leer ausgegangen“, sagt Milkoreit.

Ebenjenen Rainer Milkoreit, der Leiter für Körperkultur und Sport im Rat des Bezirks Erfurt war. Der als Kader-Altlast gilt und Zeitgenossen als strammer Apparatschik bekannt ist. Jenen Milkoreit als Befürworter des RB-Projekts anzuführen, ohne auf das sich auch am Zitat offenbarende Weltbild einzugehen, ist, sagen wir mal, einseitig gewagt.

Wer Anachronismen bei den Kritikern kritisiert, der sollte sich nicht ehemaligen Kadersozialisten als Fürsprechern bedienen, die eine zentrale Steuerung eines aufgesetzten Projekts (Danke, dass wir ausgesucht wurden!) für begrüßenswert halten. Dass solche Leute keine Widersprüche erkennen, ist vollkommen klar. Oder wie Milkoreit selbst sagt:

„Natürlich hat RB andere Bedingungen, aber das kann man dem Klub doch nicht vorwerfen.“ – Genosse Rainer Milkoreit im Lizensierungsstreit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.