Ergebenheit als Systembestandteil

Neben der betonten Miesepetrigkeit, ungezwungenen und absolut authentischen Marketingvehikeln Fußballfans ihren Spaß am einzig echten TV-Fußball nicht zu gönnen, ist ja eines unserer Hauptmotive, einen Anlaufpunkt für kritische Beobachtungen des Geschäftsgebahrens von RB Leipzig zu bieten – Warum liefern das eigentlich nicht professionelle lokale Medien wie LVZ & Co.?

Weil sie nicht können. Also nicht, weil sie aufgrund mangelnder journalistischer Qualität nicht könnten. Vielleicht schon eher, weil sie redaktionell kaputt gespart werden. (Der KREUZER bringt ja immer mal was, hat als Stadtmagazin in Zeiten von Facebook aber weder die Kapazitäten, noch den redaktionellen Fokus, RB monatlich zu begleiten.) Sie können nicht, weil sich besonders lokale Redaktionen und freie Journalisten eine kritische Haltung gegenüber Profisportfirmen nicht leisten können.

Wer das für ein kulturpessimistisches Pauschalurteil hält, sollte sich einfach mal mit den Kollegen und Kolleginnen aus den Redaktionen unterhalten. Wer den Arbeitsalltag von Journalisten im Sportbereich kennt, weiß, dass das nicht zu hoch gegriffen ist. Sportjournalisten sind in doppelter Hinsicht direkt abhängig vom vermeintlichen Objekt ihrer Berichterstattung.

Zugangskontrolle statt vierter Macht

Sowohl Fußballjournalisten als auch die Pressesprecher der Bundesligaklubs beschreiben das Verhältnis zwischen Verein und Journalist als eindeutiges Komplementärverhältnis, in dem die Journalisten vom Pressesprecher mehr abhängig sind als umgekehrt. Das ist das Ergebnis einer kürzlich erschienen empirischen Studie von Christoph G. Grimmer.

Der Grund dafür ist, dass Vereine keine Journalisten mehr brauchen, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Die klubeigenen Medien- & PR-Abteilungen bespielen den Web-Auftritt, die Social Media-Kanäle und das Vereins-TV schneller, intensiver und für den User kostengünstiger als das gute alte Holzmedium. Nicht zuletzt werden exklusive Neuigkeiten vermehrt auf jenen hauseigenen Plattformen verkündet. Jüngstes Beispiel: Philipp Lahms erste Äußerungen nach der Bekanntgabe seines Rücktritts aus der Nationalmannschaft.

Journalisten sind nicht mehr alleinige Gatekeeper zu Öffentlichkeiten, sie stehen in der Schlange im Kampf um Content. Klar, sie bieten in der Regel immer noch einen reizvollen Kontext: Gedrucktes Wort, Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber deswegen sind sie nicht weniger von der Autorisierungspraxis der Vereine abhängig. Und da kommt die oben erwähnte Studie zu einem klaren Schluss: „Negative Äußerungen führen zu Verstimmung und Ärger“ und gefährden den Zugang zu Spielern und Entscheidern.

Man kann sich ja mal die kleine Stichprobe gönnen und in den lokalen Sportteilen schauen, unter welchen potentiell RB-kritischen Artikeln (wenn überhaupt) Autorenkürzel stehen.

Die Hand, die einen füttert …

Diese einseitige Abhängigkeit beschränkt sich nicht auf den Bereich der Inhalte. Sie geht bis ans Eingemachte. Viele Journalisten können oder wollen es sich im Wortsinne nicht leisten, kritisch über ihren (indirekten) Brötchengeber zu berichten. Und der Graubereich zwischen Gefälligkeiten, Vergünstigungen und wirtschaftlicher Abhängigkeit ist in einem umkämpften Feld wie dem Journalismus größer als geneigte Leser sich das vorstellen mögen.

Beim freien Radioreporter, der auf Honorarbasis den Audiostream von RB (dümmste geilste Marketingidee ever: „Bullenfunk“) kommentiert, ist die Sache nur vermeintlich klar. Der wird für eine Dienstleistung eingekauft und hat diese natürlich zur Zufriedenheit des Auftraggebers zu erfüllen. Nur ist es in der wirtschaftlichen Realität dieser Branche eben so, dass derselbe Mensch für andere Stationen auch nach journalistischen Maßgaben über RB berichten soll / muss / darf. Wie sollen „Freie“ ein vermutlich auf Jahre sicheres Nebeneinkommen mit journalistischer Unabhängigkeit abwiegen?

Gut, vielleicht gelten die Printjournalisten ja deswegen als besonders glaubwürdig. Die haben solche Probleme offenbar nicht. Nein? Klar, manchmal werden sie zu Vereinsveranstaltungen als Moderatoren eingekauft oder dürfen bei der Saisonabschlusssause mitfeiern. Dafür müssen sie sich ihre Interviews – anders als Livereporter wie Boris Büchler – autorisieren lassen. Außer der Gebieter will der DFL etwas mitteilen, da werden die entscheidenden Passagen vermutlich sogar erst im Nachgang geschärft.

Spannend wird es allerdings bei der Sonderbeilage „Rasenballer“, die die LVZ gestern herausgebracht hat. 48-Seiten zum Saisonstart der Brausekicker, für Abonnenten kostenlos, am Kiosk für 2,90 €. In Zeiten sinkender Auflagen, Anzeigenerlöse und Auslastungen der Druckhäuser sind Sonderbeilagen ein wichtiges Einnahmemittel der Verlage. Das lokale Leben bietet den Anlass (Absolventenfeiern, neue Einkaufspassagen, internationales Dosenunternehmen macht Marketing), die ohnehin schon bezahlten Zeitungsredakteure schrubben Texte und kleinere bis mittlere Firmen hängen sich neben dem Hauptauftraggeber noch mit Anzeigen dran.

Welche Unterstützung auch immer aus Fuschl am See dieser und ebenso früherer LVZ-Beilagen zugekommen sein könnte: Ein Bundesligist nährt zuallererst immer die lokale berichtende Zunft.

3 Gedanken zu „Ergebenheit als Systembestandteil“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.