Dosierte Dossiers (5)

Jeden Montag Regelmäßig empfehlen wir Artikel, Berichte und Beiträge, die das Label Sportjournalismus verdienen. Also Dinge, die es mit Sicherheit nicht ins Red Bulletin schaffen. Wir präsentieren Perspektiven und Recherchen, die den Blick auf das Drumherum, das Dahinter und das große Ganze lenken – anstatt den aktuellen Spieltag als Edelfan oder Maskottchen abzufeiern. [Gruß an die LVZ!]

Bild: JonS on Flickr “Newspaper high contrast B&W” // CC BY 2.0

Jahresbericht der RasenBallsport Leipzig GmbH 2015

Unter dem missverständlichen Titel “RB Leipzig öffnet sich” hat der sich selbst als “kritischer Sportjournalist” bezeichnende Ulli Kroemer für die Mitteldeutsche Zeitung den öffentlich zugänglichen Jahresbericht der RasenBallsport Leipzig GmbH von 2015 beim Bundesanzeiger heruntergeladen und durchgearbeitet.

Darin enthalten sind spannende Informationen über Umsatz, Transfersummen, Gehälter und vor allem die Kapitalspritzen aus Österreich. Bei der Analyse wird nicht nur deutlich, dass RB Leipzig zu keinem Zeitpunkt ein ‘normaler’ Zweitligist war: Jahresumsatz und Spieleretat rangierten 2015 im unteren Drittel des Durchschnitts der ersten Liga. Der Umsatz war mit gut 82 Millionen Euro sogar knapp 50 Millionen höher als der Durchschnitt der zweiten Liga.

Spannendstes Detail ist aber die Art der Zuwendungen aus Österreich. Das Geld von Red Bull fließt nicht direkt als Zuwendung (wie beim Sponsoring) in den Verein, sondern als vergleichsweise kurzfristig terminierte Darlehen. Insgesamt schuldete RB Leipzig dem Red Bull-Konzern mit dem Jahresabschluss 2015 gut 50 Millionen Euro, die formell binnen zwei bis fünf Jahren fällig wären. Offenbar ist dieses Vorgehen mit “Eigenkapitalersatzdarlehen”, die später auch in “Genusscheine” umgewandelt und damit erlassen werden können, bei Investorengeführten Vereinen – wie etwa 1860 München – nicht unüblich.

Aufruf in eigener Sache: Wir sammeln Zahlen zu Verbreitung und finanziellem Umfang solcher Konstrukte für andere Spielbetriebs-GmbHs bzw. Investitionskonstrukten im deutschen und internationalen Profifußball. Wenn ihr Links oder Quellen zu belegten Zahlen habt, freuen wir uns über Hinweise hier in den Comments, per Facebook oder Twitter.

Rasenschach um Rasenball

Dass das Magazin WDR Sport inside jetzt direkt im Anschluss an die Bundesliga-Zusammenfassungen am Sonntagabend programmiert wurde, ist schon eine schöne Sache: So lassen sich Schein und Sein des Profifußballs – und der öffentlich-rechtliche Informationsauftrag – ziemlich erquicklich verbinden.

Vergangenen Sonntag hat ein Beitrag von Autor Mathias Wolf die Diskussion um den möglichen Ausschluss eines der beiden Mateschitz-Vereine aus der UEFA-Champions League aufgegriffen. Während man aus Leipzig über den Umweg Sportbild vergangene Woche ja versucht hat, das Problem für beendet zu erklären, zeigt der Beitrag, dass eben noch gar nichts geklärt ist.

Erneut kommt der Sportrechtler Dr. Thomas Dehesselles zu Wort, diesmal etwas deutlicher und drastischer als vor wenigen Wochen in der Sportbild:

“Solange Personalunion in Führungsgremien besteht, kann die UEFA nach ihren Kriterien nicht beide Klubs zulassen. […] Die mögliche Beschädigung der Integrität des Wettbewerbs kann bei den Sponsoren zur Einflussnahme und Druckausübung führen. Das wird die UEFA nicht riskieren.”

Ein schöner, unfreiwilliger Beleg für die engen personellen Verbindungen gab RB im Rahmen der Dreharbeiten selbst: Die Filmaufnahmen vom RB Salzburg-Gelände mussten aus Leipzig genehmigt werden (Minute 07:25 im Beitrag).

“Das ganze Sportsystem ist krank”

Dass Ewald Lienen einer der Trainer ist, die nicht um klare Statements verlegen sind, ist bekannt. Erst neulich hat er sich bemerkenswert zur Rolle der Fans im Profifußball geäußert. Auch Andreas Rettig, Geschäftsführer des Vereins, den Lienen trainiert, ist wirtschaftlich und politisch über den Tellerrand Gewinnmaximierung beschlagen, weswegen wir ihn hier schon einmal erwähnt hatten. Beide nun zu einem gemeinsamem Interview zum Profifußball einzuladen, ist dementsprechend vielversprechend. Michael Horeni hat das für die FAZ gemacht und das Ergebnis ist uneingeschränkt lesenswert.

Die Themen liegen auf der Hand – 50+1, Investoren, FIFA-Skandal – und kreisen um die zentrale Frage: Was sind die Effekte der grassierenden Ausgliederungen und Umstrukturierungen im (nicht nur) deutschen Profifußballs auf das Spiel selbst und die Gesellschaft?
Wem es bislang egal war, wie seine Fernseh-Unterhaltung zustande kommt, der wird über Lienens Plädoyers für Emotion und Tradition [wir halten letztere nicht für den richtigen Gegensatz, um RB Leipzig zu kritisieren] nur milde den Kopf schütteln können. Eine Passage unterstreicht aber sehr schön, wie erschreckend selten eine offene politische Haltung für Demokratie im Profifußball geworden ist. Da können sich lokale Bannerverbieter auch mal eine Scheibe abschneiden, finden wir.

Frage: DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat beim Neujahrsempfang gesagt, dass es vielleicht gar nicht schlecht sei, wenn in turbulenten Zeiten die Bundesliga eine Veranstaltung sei, wo man hingehen könne und von diesen ganzen Dingen nicht behelligt würde.

Rettig: Das möchte ich nicht kommentieren.

Lienen: Völlig inakzeptabel. Es geht doch nur darum, dieses Produkt klinisch reinzuhalten, damit man nicht irgendein Sponsorentum gefährdet. Die Verbände sind nicht nur hochpolitische Organisationen, der deutsche Fußball hat auch eine große politische Verantwortung für das eigene Land. Diese Verantwortung müssen DFB und DFL erkennen und sehen: Gesellschaftspolitisch läuft was in die falsche Richtung. Überall laufen in westlichen Ländern die Rechtspopulisten rum, und wir sind gerade im Begriff, die einfachen Leute auf der Straße zu verlieren. Es gibt Wutbürger, die ich gerne irgendwohin schicken würde, wo sie wirklich Grund hätten, Wut zu haben. Das sind Leute, die null Komma null Vorstellung davon haben, was es bedeutet, etwa in Rumänien zu leben. Oder in einem Kriegsgebiet. Denen geht es hier im Vergleich zu 80 Prozent der Menschheit gut – trotzdem sind sie auf der Straße und bereit, unsere Demokratie zu opfern.

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