Standardsituationen der RB-Affirmation (1)

Das ist der Beginn einer neuen kleinen Serie. Als Vorbild haben wir dabei keine geringere als die großartige Kathrin Passig. Sie schrieb vor einiger Zeit einen Text zu „Standardsituationen der Technologiekritik“. So etwas wollten wir auch mal machen. Wir haben lange überlegt. Was ist ähnlich faszinierend wie Technologiekritik? Was ist rätselhaft und allgegenwärtig zugleich? Am Ende kamen wir drauf. In (vorerst) fünf Folgen nehmen wir uns der Standardargumente der RB-Anhängerschaft an. Und versuchen ein paar Antworten.

Das erste Argument ist das Argument überhaupt, und es geht so:

„RB ist ein ganz normaler Verein“

Varianten gibt es davon unzählige: Das, was RB macht, machen die anderen auch. Oder: Das, was RB hat, haben die anderen auch. Oder: Wie bei RB ist es bei den anderen auch. Oder: Ich weiß nicht, was bei RB besonders sein soll. Manchmal wird es von einem Achselzucken begleitet, manchmal mit einem bedauernden Blick. Aber immer heißt es: Im Grunde ist hier nichts besonders. RB ist ein ganz normaler Verein.

Das ist im Grunde natürlich kein Argument, sondern bestürzend simpel. Wir nennen es deshalb einfach mal das Simplicissimus-Argument. Nur ohne Satire. Wie simpel auch immer: Schauen wir es uns mal genauer an.

RB ist – einerseits – natürlich ein ganz normaler Fußballverein. Normal in dem Sinne, dass die Kommerzialisierung Modernisierung des Fußballs und alle bekannten Begleiterscheinungen keineswegs nur hier beobachtbar, sondern im Profifußball längst Standard sind. Das wurde alles nicht in Leipzig begonnen, sondern mit RB diese Entwicklung lediglich fortgesetzt. Sieht man es so, handelt es sich bei RB um einen komplett unoriginellen Verein. (Wie ja überhaupt Red Bull häufig nicht Trends setzt, sondern sich an gut gehende Phänomene dranhängt – wie etwa bei der Formel Eins.)

Normalität bei RB heißt also:

Auch andere Vereine sind mehr oder minder große ökonomische Unternehmungen, die entweder auf Gewinn orientiert sind oder wenigstens versuchen, ihre Verluste in Grenzen zu halten. Auch andere Vereinen sind dauerhaft auf dem Transfermarkt unterwegs und produzieren ein stetes Kommen und Gehen in ihren Kadern. Auch andere Vereine sind vor allem auf ein Massenpublikum orientiert. Mehr und mehr kommen damit die „Ränder“ des Publikums unter die Räder; immer schneller gilt ein Verhalten als auffällig oder gefährlich, das bis vor Kurzem im Stadion noch problemlos möglich war. Das Stadion wird eher als Verlängerung des Wohnzimmers statt als außeralltäglicher Ort verstanden. Schließlich: Auch andere Vereine sind tendenziell auf dem Weg der De-Demokratisierung.

(Die Liste ist natürlich unvollständig.)

Hält man sich all dies vor Augen, ist es schon beachtlich, wenn jemand sagt: Ja, das ist normal, und davon bin ich Fan. Aber bitte. Jedenfalls ist bis dahin unsere RB-Kritik nicht nur eine Kritik an RB, sondern am berühmten „modernen Fußball“. Mindestens bemerkenswert ist es aber schon, dass die ganze Liste bei RB nicht das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung des Vereins darstellt. Alle zuvor genannten Punkte waren ja geradezu die Leitprinzipien bei der Gründung von RB!

Davon abgesehen (auch das ist erstmal lapidar, aber wir wollen ja verstanden werden): Allein der Verweis auf ‚die Anderen’ macht das eigene Tun weder cool noch zwingend notwendig. Und Kritik daran wird dadurch gleich gar nicht überflüssig.

Vom Simplicissimus-Argument ‚RB ist ein ganz normaler Verein’ sind zwei Varianten besonders beliebt, von denen wir heute nur die erste besprechen. Sie geht so:

„Auch bei den Anderen geht es um Kommerz“

Belegt wird das mit einem bunten Strauß an Beispielen: Auch die anderen kaufen und verkaufen Spieler, auch anderen haben mitunter viel Geld, auch die anderen versuchen ihre Einnahmen zu maximieren, auch die anderen sagen zu jedem Sponsor freudig „Ja“.

Schon klar. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Zum einen treibt RB vieles vom Bekannten auf die Spitze. RB ist ein Verein mit schier unbegrenzten finanziellen Mitteln und damit potentiell unbegrenzten Transfermöglichkeiten und Ressourcen, die in Infrastruktur gesteckt werden können. Der Etat für die 2. Liga ist nach wie vor im Dunkeln, geraunt wird von 30 Millionen Euro. Das ist mehr als jeder andere Verein der Liga aufwendet, selbst in der 1. Bundesliga wäre das schon ein Platz im Mittelfeld. Und klar ist: Da geht noch mehr. Viel mehr. Wenn Schalke ein Fass ohne Boden ist, dann ist RB eines ohne Deckel. Die Ausgaben des Vereins werden derzeit vermutlich nur für die buchhalterische Kontrolle durch die DFL festgehalten, eine wirkliche Rolle spielt der Etat wohl nicht. Das ist selbst unter den Bedingungen des modernen Fußballs eine Farce. Dazu kommt die aberwitzige Struktur von RB als eingetragener Verein, in den allerdings offenkundig niemand reinkommt, der nicht von Mateschitz vom Gebieter oder seinen Statthaltern abgenickt wurde. RB beschneidet nicht die Mitsprachemöglichkeiten seiner Mitglieder – man will gleich gar keine haben. All das wird gekrönt von einer mindestens sparsamen Informationspolitik. Niemand von außen hat Einblick in tatsächliche Entscheidungsabläufe oder eben die finanzielle Situation des Vereins. Kritiker des Vereins werden allenfalls ignoriert – oder entkleidet.

Zum anderen macht RB nicht nur mehr als andere, sondern tatsächlich etwas in der Qualität völlig Neues. Wir haben es hier ja nicht mit einem Verein zu tun, der sich einen (sehr) starken Konzern ins Boot holt. Vielmehr hat sich hier ein Konzern einen ganz eigenen Verein geschaffen. Rasenballsport Leipzig e.V. ist eine originäre Gründung von Red Bull. Der sportliche Erfolg mag für die Spieler, Trainer und Fans im Zentrum stehen. Für die eigentlichen Entscheider ist der Fußball immer Mittel zum Zweck: Werbung, Marketing, und irgendwann vielleicht auch Kohle machen. Im Kern ist RB eine Werbeveranstaltung und steht und fällt mit diesem Anliegen. Der dauernde Einwand, dass auch anderswo Sponsoren ihre Interessen haben, wäre vermutlich selbst Ralf Rangnick zu peinlich. Denn nirgendwo sonst bei ernstzunehmenden Vereinen ist der Sponsor so allmächtig wie bei RB, um nicht zu sagen: identisch mit dem Verein. Da muss man kein Fußball-Nostalgiker sein, um hier den Fehler zu entdecken. Wie schrieb Nick Hornby vor einiger Zeit: „Da im Profisport Geld regiert, kann es nur interessant werden, wenn jedes Team sich so viel wie möglich davon verschafft.“ Selbst das ist schon beachtlich kühl beobachtet. Und wird doch noch übertroffen, wenn sich das Geld so viel wie möglich Profisport verschafft.

Dazu kommt, dass sich durch das Filialsystem von RB, vor allem mit der Dependance in Salzburg, ganz neue Konstellationen und Transfermöglichkeiten auftun. Die Bestimmungen mindestens der nationalen Wettbewerbe können damit ausgehebelt oder umgangen werden. Am Ende ergibt sich ein Wettbewerbsvorteil für einen Verein, der ohnehin nur mäßig am Wettbewerb interessiert ist. In unbedachten Momenten sagen das auch die Verantwortlichen selbst. Trainer Zorniger etwa, als er darauf hoffte, dass die Kritiker bald ein Einsehen haben und endlich bemerken würden, „dass hier nichts Böses passiert. Bloß etwas anderes.

Die unbegrenzten Möglichkeiten werden natürlich nicht immer und sofort ausgeschöpft. Hier wird abgewogen, was für PR und Marketing gut ist – und was zuviel. Dass man Geld hat, wissen ohnehin alle, da muss man es mit dem Protz nicht übertreiben. Auch sportlich macht es natürlich keinen Sinn, jede Saison zwanzig neue Spieler zu holen. Aber keine Sorge: Im Notfall ist sofort Geld für einen neuen da. Und natürlich soll der Schein eines Sportvereins mit lokaler Bindung gewahrt bleiben, damit die Fans dran glauben, sie hätten es hier mit einem ganz normalen Team zu tun und selbst das Normalisierungsargument verbreiten.

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