Schlussstrich statt Verantwortung

Red Bull ist auf Erfolg programmiert. Wirtschaftlich sowieso bei einer Differenz von 1,80 Euro zwischen Herstellungs- und Abgabepreis der Brause. Sportlich aber ebenso, da wird nichts dem Zufall überlassen. Die neulich schon einmal angedeutete Verwandtschaft zu einem anderen, strikt auf Erfolg gedrillten Sportsystem ist nicht nur geistiger Art: Im Red Bull Sportimperium ist der oberste Leistungsdiagnostiker ein verurteilter DDR-Dopingarzt.

Bernd Pansold hat in Österreich den schönen Beinamen „Laktaktpapst“, weil er das konzerneigene Diagnostik- und Trainingszentrum von Red Bull im österreichischen Thalgau leitet. Über das Jahr machen dort alle Red Bull-Athleten – von Lindsey Vonn bis Sebastian Vettel – Leistungstests. Pansold ist der uneingeschränkte Chef mit Weisungsbefugnissen bis in das sportliche Tagesgeschäft (s.u.).

Ob Pansold zu DDR-Zeiten einen Spitznamen hatte ist nicht bekannt. Es wäre allerdings nicht übertrieben, ihn „Dopingpapst von Berlin“ zu nennen. Der promovierte Mediziner war, wie Stasi-Unterlagen belegen, ab den 1970ern Jahren für den Auf- und Ausbau einer sportartenübergreifenden medizinischen Dopinginfrastruktur in Berlin zuständig. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel die gesamte Abwicklung des Dopings (Rezepte ausstellen, Pläne erstellen, rangniedrigere Ärzte anweisen, Effekte kontrollieren), die in die militärische Organisationsstruktur des Polizeisportvereins Dynamo eingebettet war.

Dass der heute 72-Jährige 1998 vom Landgericht Berlin der vorsätzlichen Beihilfe zur Körperverletzung an Minderjährigen in neun Fällen für schuldig befunden wurde, war letztendlich ein symbolisches Urteil und kann nicht als Aufarbeitung seiner übergeordneten Rolle im Staatsdoping verstanden werden.

Pansold ist also ein hochgradig belasteter Angestellter. Weswegen die prominenten Athleten aus dem Red Bull-Sportmarketing auch häufig betonen, zwar in Thalgau gewesen zu sein, aber nicht mit Pansold zusammenzuarbeiten. Auch der Gebieter ist höchst erzürnt, wenn man auf Pansolds Vergangenheit anspricht.

Gut, aber das wusste man im Konzern, als man im Jahr 2008 das Trainingszentrum in Thalgau ausbaute und ihn zuvor zu dessen Leiter berief. Und ihn mit Kompetenzen ausstattete, die ähnlich sportartenübergreifend und systematisch gestaltet sind, wie bei seiner einstigen Dopingtätigkeit.

Was passiert, wenn man den trainingsdiagnostischen Erkenntnissen der medizinischen Abteilung nicht Folge leistet, erfuhr Ricardo Moniz 2012. Der damalige Trainer der Salzburger Fußballfiliale trat nach „Meinungsverschiedenheiten“ rund um die Leistungstests in der Saisonvorbereitung zurück. Moniz konnte in der Vorbereitung auf 2012/2013 zwar ohnehin als „lame duck“ angesehen werden. Dass er aber zurücktrat, weil er aus „professionellen Gründen“ nicht hinnehmen konnte, dass ihm das Training diktiert wird, zeigt den Einfluss der Leistungsdiagnostik auf die Fußballabteilung.

Natürlich fahren fuhren auch die Leipziger Fußballer regelmäßig nach Thalgau. Von 2009 bis 2011 sowohl im Winter, als auch im August, jeweils im Rahmen der Saisonvorbereitung. Damals fuhr Pansold auch nach Leipzig, um die Traningslager und Messungen selbst vorzubereiten. Mittlerweile finden sich keine Berichte über eine direkte Betreuung mehr. Was nichts daran ändert, dass Pansold weiterhin oberster medizinischer Angestellter bei Red Bull und damit auch für Leistungsdiagnostik und Trainingspläne der Leipziger Filale das letzte Wort hat.(Update 27.08. nach Hinweis vom rotebrauseblogger)

Journalisten, die Red Bull-Sportler zu Thalgau und Pansold befragen wollen, stoßen „immer wieder auf eine Mauer des Schweigens“. Es ist sogar von Verschwiegenheitserklärungen die Rede, die zu unterschreiben waren. Man will die Aufmerksamkeit um das Thema eben eindämmen und den Mann in Ruhe arbeiten lassen. Alles andere seien alte Geschichten.

Wenn der rotebrausblogger stellvertretend für diese Argumentation 2012 schreibt „Beurteile eine aktuelle Leistung aber nie unter der Schablone verbüßter Taten!“, kann man nur zwei Dinge antworten:

Bernd Pansold hat mit der Geldstrafe mit Sicherheit nicht für das gebüßt, was er unwissenden Kindern und Jugendlichen angetan hat. Erst recht ist er nicht für seine führende Rolle in beinahe zwei Jahrzehnten Staatsdoping verurteilt worden, sondern nur für neun Fälle. (Und auch zu diesen hat er sich nie geäußert. Aber gut, Buße braucht keine Entschuldigung.) Er ist weiterhin ein in leitender Funktion tätiger Arzt – obwohl er im Dienste eines totalitären Systems systematisch gegen den hippokratischen Eid verstoßen hat.

„Aktuelle Leistungen“ Pansolds sind ja ohnehin schwer einzuschätzen (s.o.). Entscheidend ist vielmehr, dass sich in Mateschitz‘ Forderung, endlich „einen Schlussstrich“ zu ziehen, eine kompromisslose Orientierung auf Marketingerfolge den sportlichen Erfolg zeigt. Wenn ein Sportverein bei seiner Arbeit bereit ist, so eine Geschichte wie die von Bernd Pansold auszublenden, um mit ihm seine ambitionierten Zukunftspläne umzusetzen, hat dies wenig mit einer generösen Haltung und Vergebung zu tun. Stattdessen zeigt dies ein mindestens ambivalentes Verhältnis zur Vergangenheit. Verantwortungsvoll ist es in keinem Fall.

Gemacht wird bei RB eben alles, was dem Projekt nützlich scheint und nicht offenkundig illegal ist. Diese ausschließliche Orientierung am sportlichen Erfolg ist in der Tat eine interessante Verbindung zu alten DDR-Sporteliten. Von denen befürworten ja nicht wenige die Existenz von RB Leipzig. Vielen war es eben schon immer egal, woher das Geld kam und was damit gemacht wurde. Hauptsache vorn dabei.

4 Gedanken zu „Schlussstrich statt Verantwortung“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.