Rangierbahnhof

Am 30.5.14 wurde vermeldet, dass Marcel Sabitzer von SK Rapid Wien zu RB Leipzig wechselt. Der Spieler (20 Jahre, Mittelfeld, 4 Länderspiele für Österreich) bekommt einen Vertrag bis 2018 und kostet wohl zwei Millionen Euro. Gleichwohl wird Sabitzer mindestens in der nächsten Saison gar nicht in Leipzig spielen, sondern an RB Salzburg ausgeliehen. Das kann man noch als konzerninternen Mitarbeiteraustausch abbuchen; es schadet ja nichts, mal die Kollegen gesehen zu haben. Wenn da nicht in Sabitzers Vertrag eine Klausel gewesen wäre, nach der bei einem Wechsel ins Ausland zwei Millionen Ablöse festgeschrieben waren, nicht aber für einen Wechsel innerhalb der österreichischen Liga. Im Falle eines direkten Wechsels von Wien nach Salzburg hätte RB also eine Ablösesumme aushandeln müssen, die vermutlich höher gelegen hätte als die jetzt gezahlten zwei Millionen. Möglicherweise wäre der Deal auch gar nicht zustande gekommen. Stattdessen trat eben Leipzig als Käufer auf und Sabitzer spielt nun trotzdem in Salzburg. So weit, so bekannt.

Zwei Dinge ließen uns dabei die Stirne runzeln:

Erstens wird (wieder) deutlich, dass RB mehr ist als ein Verein hier und ein Verein da. Das Ganze ist ein Konzern mit einzelnen Standorten, und genauso werden diese genutzt. Das Sabitzer-Geschiebe ist ein erstes Beispiel für ein systematisches Problem. Damit meinen wir nicht irgendwelche Nebenabsprachen bei Transfers. Es kam immer wieder vor, dass Verein A einen Spieler kaufte und gleich an Verein B auslieh, und dabei hatten vermutlich A und B auch einen finanziellen Vorteil. Geschenkt. Was bei Sabitzer jedoch offensichtlich wird, ist, dass RB über seine Filialen die dauerhafte und systematische Möglichkeit zu Deals hat, bei denen die Bestimmungen einer Liga gewissermaßen über Bande umgangen werden können. Das sind dann weder Ausnahmen noch Ergebnisse von Verhandlungen zweier Vereine, sondern gezielte und bewusste Überdehnungen, wenn nicht gar Unterwanderungen vereinbarter Regeln. Deshalb ist auch zweitrangig, ob Sabitzer in einem Jahr tatsächlich in Leipzig spielt und primär aus diesem Grund geholt wurde. Der Deal zeigt ersten, was möglich und offenbar auch gängige Praxis ist. Alles legal, versteht sich. Der Deal zeigt außerdem, wo einer der wesentlichen qualitativen Unterschiede des ganz normalen Vereins RB gegenüber den anderen etablierten Größen der Branche liegt.

Zweitens beeindruckte einmal mehr die Presse. Gut, von der LVZ haben wir nicht viel erwartet. Sie enthält sich einer eigenen Meinung und zitiert nur den Wiener Sportdirektor, der dem Transfer ein „Geschmäckle“ bescheinigt. Offensichtlich war aber selbst dies zuviel. Den Autor plagte vermutlich eine Mischung schlechtem Gewissen und purer Angst, beim Messias damit in Ungnade zu fallen. Und so einigte man sich darauf, entgegen der sonstigen Gewohnheit den Artikel nur mit „LVZ“ zu unterzeichnen. Geteilter Angstschweiß ist halber Angstschweiß. Aber dass selbst der kicker den Umständen dieses Transfers nur einen Absatz in seinem Bericht widmet, ist schon erstaunlich. Auch hier findet sich kein Autor. Aber die Unterstellung, dass Guido Schäfer von der LVZ, der den kicker regelmäßig mit Berichten vom rot-weissen Hof versorgt, hier die Hand zitterte und er auf seine Nennung verzichtete, ist natürlich lachhaft. Apropos lachhaft: Der kicker-Artikel findet für den Sabitzer-Deal lediglich die Vokabel „pikant“. Das kann schon fast als Beifall gelesen werden: Die Bezeichnung von Salami als pikant versteht sich ja auch eher als Kaufempfehlung, denn als Warnung. Von einer kritischen Position, die vielleicht auch über den konkreten Fall Sabitzer hinaus denkt, fehlt jedenfalls meilenweit jede Spur.

3 Gedanken zu „Rangierbahnhof“

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